Sonntag, 11. November 2018

Neulich vor zwei Jahren


Cape Town Railway Station

Aus der Reihe „Was ich schon längst mal machen wollte“ habe ich nun tatsächlich eine kleine Auswahl meiner Südafrika-Fotos von vor zwei Jahren zusammengestellt. Zeitnah berichten? Kann ich.
Nein, gut, ich geb' es zu. Ich kann es nicht. Mir fehlt die Zeit, die Kraft, die Muße, der Wille - oder alles zusammen, ich weiß es doch auch nicht.
Eines was mir fehlt kann ich allerdings sehr genau benennen: Mein Blog, das Bloggen, das Schreiben. All das.
Deswegen versuche ich es einfach noch mal. So. Mal sehen was draus wird.


Cape Town, Bloubergstrand

Zwei Jahre ist es her, dass ich mit meinem Mann in Südafrika war. Drei Wochen Zeit zu zweit; Urlaub sollte es sein, aber reisen wollten wir auch; so war es also eine Urlaubsreise.
Für uns beide war es der erste Aufenthalt in Südafrika, bzw. überhaupt auf diesem Kontinent, und wir waren ja nur in einem denkbar kleinen Teil davon. Drei Wochen ist nicht viel Zeit; es ist nicht möglich zu verstehen wo man sich eigentlich befindet. Zumal in einem Land mit einer solchen Geschichte - und wenn man dann auch noch unter dem Aspekt des gemeinsamen Urlaubs unterwegs ist.

Natürlich hatte ich meine Kamera dabei und ich hab auch überall mal so rumfotografiert. Anders kann ich es wirklich nicht formulieren. Ich bin ganz nach Lust und Laune vorgegangen, habe versuchsweise mehrere ungenaue Serien begonnen, die mir als Thema diffus interessant erschienen. Aber ich habe viel zu wahllos mal fotografiert und mal wieder nicht, so dass nichts wirklich sinnvolles dabei entstanden ist.

Neugierig, schüchtern, beeindruckt, beschämt, müde, planlos, schauend. So bin ich erst durch Kapstadt und dann die Garden-Route entlang gestolpert. Übervoll von Eindrücken und Erlebnissen, die ich noch aus Deutschland mit mir herumgetragen habe, müde auch, sogar erschöpft, habe ich mich eigentlich nur aufnehmend durch das neue und fremde Land bewegt: Schauen, Hören, Riechen, Schmecken, Anfassen - was man eben alles so macht unterwegs. Staunen eben.


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Freitag, 16. Februar 2018

Blumen der Liebe



Heute durfte Deniz Yücel das Gefängnis verlassen. Überall lese und höre ich, dass er frei ist.
Ist das so? Hier ist zu lesen, dass ein Gericht Anklage zulässt und der Staatsanwalt 18 Jahr Haft fordert.

Frei, das klingt so gerecht. Es wäre schön, wenn es so wäre.

Was es mit der Petersilie und der Colaflasche auf sich hat, steht hier beschrieben. Für Deniz Yücel und seine Frau Dilek sind es Blumen der Liebe.

Mich rührt das sehr. Alles.

Donnerstag, 15. Februar 2018

50 Kilometer Karneval



Eins steht fest: in meinem Karneval wird viel gelaufen. In diesem Jahr ca. 50 km in 4 Tagen. In meinem Karneval wird auch viel fotografiert. Nun frage ich mich allerdings: darf man am Tag nach Aschermittwoch eigentlich noch Karnevalsbilder posten? Oder verstößt das gegen die guten Sitten und das kölsche Grundgesetz?
Nun, ich bin spät dran - was vor allem daran liegt, dass ich zwei lange, laute, kalte und bunte Tage im Kundenauftrag sehr, sehr viele Fotos gemacht habe, die dann natürlich ganz flott fertig gemacht und verschickt werden mussten.
Aber wenn ich nun nicht mal mehr einen Post an Karneval schaffe, dann kann ich das mit dem Blog ja wirklich bald ganz sein lassen.

Eine Überlegung, die ohnehin seit langem beständig, wenn auch ohne Ergebnis oder gar Entscheidung, schwerelos durch mein Hirn wabert. Konsequent wäre das ja; einfach beenden, was ohnehin kaum noch stattfindet. Aber, herrje, ich bringe es nicht übers Herz.


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Sonntag, 18. Juni 2017

Merhaba, benim adım Smilla - Begegnungen in Istanbul



Zum fünften Mal war ich nun in Istanbul. Viele Gedanken habe ich mir vor dieser Reise gemacht: Soll, kann, darf ich das tun? In ein Land reisen, das sich im Ausnahmezustand befindet, in dem Journalisten und Oppositionelle im Gefängnis sitzen. Ein Land, in dem man auch als Besucher keine kritische Meinung zum politischen Geschehen äußern sollte. Wo man nicht den falschen Leuten die falschen Fragen stellen sollte. Ich bin diesbezüglich nicht sehr mutig und bestimmt kein Draufgänger.
Nach Istanbul zu reisen ist für mich, wie eine Freundschaft zu pflegen; diese Stadt berührt mein Herz. So, wie man die Nähe zu den Menschen sucht, die man liebt, so laufe ich durch Istanbul und versuche, der Stadt nahe zu sein. Für mich geht das über den Kontakt zu Menschen: der Topkapı-Palast, die blaue Moschee; ich war noch nie dort. Es sind nicht Sehenswürdigkeiten, sondern Stadtviertel, in die ich meine - im besten Sinne - planlosen Ausflüge mache. Ich fahre mit Bus, Fähre, Metro oder Dolmuş an einen Ausgangspunkt meiner Wahl und laufe los - der Rest ergibt sich.




Diese Spaziergänge lasse ich geschehen; meist laufe ich sehr langsam, machmal stehe ich auch nur so herum und warte, wohin mich der nächste Impuls gehen lässt. Wenn mir auffällt, dass ich auffalle fange ich an, freundlich zu grüßen: „Merhaba!“. Diese Kleinigkeit bewirkt erstaunliches; ich werde angelächelt, ebenfalls begrüßt, herbeigewunken und sogar eingeladen Platz zu nehmen. Ich verfüge über sehr mickrige Kenntnisse der türkischen Sprache (Çok az Türkçe konuşabiliyorum) kann mich aber vorstellen (Benim adım Smilla), höflich etwas zu Essen bestellen, nach dem ungefähren Weg zurück fragen, und habe allerlei Satzfragmente parat, die jedoch niemals ein wirkliches Gespräch erlauben. Wirklich immer finde ich das schade, und gleichzeitig habe ich gelernt, dass einfach nur so Dasitzen und zeigen dass man es gerne tut, oft schon eine wohlwollende Grundstimmung erzeugt, die sehr entspannend sein kann und das Verweilen ermöglicht.



Nach und nach erkunde ich auf diese Weise seit Jahren ein Stadtviertel nach dem anderen: und davon gibt es in Istanbul unglaublich viele. Allein Fatih, eine Gemeinde Istanbuls mit über 400 000 Einwohnern unterteilt sich in 102 kleine Stadtteile, die Mahalle. Diese Fotos sind entstanden auf dem Weg von Ayvansary nach Draman über Balat und Fener. Dabei bin ich so sehr Zick-Zack gelaufen, dass ich natürlich nicht ordentlich von einem zum nächsten Stadtviertel gelangt, sondern immer hin und her gependelt bin, wie ich später rekonstruiert habe. Weil ein Tag für so viel Gegend zudem nicht ausreicht, bin ich am nächsten Tag nochmal dorthin.

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Dienstag, 13. Juni 2017

13 Fotos aus Istanbul



Heute ohne viele Worte: dreizehn Fotos aus Istanbul. Die Anzahl ist - aus Spielerei - ans Datum angepasst: heute ist der 13.  Ich habe Geburtstag, den in Istanbul zu verbringen mein Herzenswunsch war.  Nun zieht es mich zum Tee an den Bosporus...
Seit 10 Tagen bin ich hier, unzählige Fotos habe ich gemacht, vielen Menschen bin ich begegnet, zum ersten, zum wiederholten, zum einzigen Mal... Vor langem schon hab ich mein Herz an Istanbul verloren. Jedes Mal wenn ich hier bin haben sich in der Zwischenzeit Dinge verändert. Manchmal derart gründlich, dass es weh tut. Vieles aber ist noch da, vielleicht ein bisschen verwandelt, aber vertraut. Ich laufe unablässig durch die große Stadt und oftmals mache ich Fotos von Häusern oder Strassenzügen, weil ich Sorge habe, beim nächsten Besuch steht kein Stein mehr auf dem anderen. Oder ich fotografiere, was für mich die Stimmung dieser Stadt ausmacht. Es ist mein Versuch der Würdigung und meine Art mich mit der Stadt und den Menschen zu verbinden. 













Die sichtbarste von vielen Veränderungen auf der Haupt-Einkaufsstrasse in Beyoğlu: die nostalgische Tünel-Strassenbahn, die verlässlich die Istiklal Caddesi hinauf- und hinunter gezuckelt ist - verschwunden, mitsamt den Gleisen. Angeblich soll sie wiederkommen; warum sie nicht mehr fährt habe ich noch nicht ergründet.



Vor sieben Jahren war hier ein kleiner Tee-Salon, dann eine Art American-Diner, nun ist Leerstand.
























Zu Besuch bei Mehmet Ali, dem ich Fotos aus 2014 mitgebracht habe.




















Sonntag, 11. Juni 2017

Von Ceren lernen



„I try to be an artist“, sagt Ceren über sich. Sie lebt in Kadiköy, einem Stadtteil auf der asiatischen Seite Istanbuls. Ich treffe sie im Garda Café, einer meiner in ganz Istanbul verstreuten Plätze, die ich immer wieder besuche, weil es in der großen Stadt manchmal gut tut, wiedererkannt und begrüßt zu werden. Ceren will eigentlich gerade wieder gehen, sie kam nur kurz hereingewirbelt, hat hier jemanden begrüßt, da jemanden umarmt, sich für ein leises Gespräch zu einem Freund an den Tisch gesetzt: sie ist hier zuhause.
Ceren erklärt mir, das ihr Name 'little deer' bedeutet, kleiner Hirsch - Rehauge lese ich später irgendwo. Sie ißt von den gelben Früchten, die mir der Besitzer des Cafés auf einem kleinen Teller gebracht hat: er hat sie frisch vom Baum neben meinem Stuhl gepflückt. „Yeni dünya“, sagt Ceren, „das bedeutet Neue Welt.“ Mispeln, wie ich nun weiß.

Ceren liebt die tiefere Bedeutung, den Sinn hinter den Dingen. Sie reist gern, am liebsten an Orte, die wenig populär sind: sie scheinen ihr am wahrhaftigsten zu sein. Weil sie ihr Klavier nicht mit auf Reisen nehmen kann lernt sie die Darbuka zu spielen; eine arabische Trommel. Dafür nimmt sie Unterricht bei Mısırlı Ahmet, einem Trommelmeister, der im Stadtteil Balat ein 'Ritimhanesi', betreibt - ich übersetze das mal mit Musikschule. Allerdings geht es auch hier nicht einfach um das Offensichtliche; Mısırlı Ahmet hat eine eigene Philosophie, die über das Musik machen hinaus geht. Davon erzählt Ceren mir, und auf der Seite des Musik-Ensembles Constantinople wird er so zitiert: “You have to lose the rhythm first in order to discover it.”

Neben der Musik malt Ceren; am liebsten Portraits, aber sie malt auch Bilder im Ottomanstyle, im Auftrag für Hotels beispielsweise.

Ceren bezeichnet sich als Suchende, sie wertschätzt die Vergangenheit und respektiert die Zukunft, und doch versucht sie so gegenwärtig wie möglich zu sein. Sie liest gerne Gedichte von Omar Khayyam, einem Mystiker aus Persien, der vor bald tausend Jahren vierzeilige, sogenannte Rubaiyate, verfasst hat. Das hat er mehr oder weniger nebenbei getan, denn im Hauptberuf war er Mathematiker und Astronom. Erst vor ca. hundertfünfzig Jahren wurden seine Gedichte ins Englische übersetzt, und haben so in der westlichen Welt Berühmtheit erlangt (Guardian Artikel). Ich muss gestehen, ich habe noch nie von ihm gehört, ich kennen nur Rumi, und genau genommen kenne ich nicht mal den. Deswegen habe ich ein wenig herum gegoogelt, denn wie ich immer wieder feststelle werden plötzlich Dinge für mich interessant, weil sich jemand für sie interessiert, den ich mag.




Später schickt Ceren mir einige ins englisch übersetzte Gedichte von Omar Khayyam. Eins beschreibt für mein Empfinden Ceren selbst:


Give me a skin of wine, a crust of bread,
A pittance bare, a book of verse to read;
With thee, O love, to share my lowly roof,
I would not take the Sultan's realm instead!


Freitag, 9. Juni 2017

50 ccm, 3l Vernel-Tank



Zuerst sehe ich das Moped; es steht an der Küstenpromenade in Arnavutköy und sieht aus wie ein umgebautes Bonanza-Fahrrad. Chopper-Lenker, Doppelspiegel, Fransen-Pompons, chices blaues Täschchen, aus dem irgendein Werkzeug hervorguckt. Ich mache ein Foto und sehe mich um, wem das tolle Gefährt wohl gehören mag. Da kommt Orhan auch schon herbei gelaufen, macht Zeichen, dass es seins ist und lädt mich ein, mich mal drauf zu setzen. Mir fehlt die Abenteuerlust, aber ich bitte ihn ein paar Fotos machen zu dürfen. Sofort wirft sich Orhan in Pose und begutachtet direkt das erste Foto: nein, viel zu weit weg, ich soll ein näheres machen. Natürlich erfülle ich seinen Wunsch umgehend, er reckt den Daumen hoch und will auch dieses Foto sofort sehen: schon besser.

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Donnerstag, 8. Juni 2017

Alle Farben



Aycan ist auf der Istiklâl Caddesi unterwegs - der größten Einkaufsstrasse in Beyoğlu - um neue Mitglieder für Greenpeace zu werben. Sie ist 20 Jahre alt und studiert Politik an der Universität Istanbul.

Unterhalten können wir uns nicht: mein dürftiges Türkisch lässt nicht im Ansatz ein wirkliches Gespräch zu, und Aycan spricht kein Englisch. Und trotzdem sind es diese Begegnungen mit Menschen, die mir Istanbul immer wieder aufs Neue erschließen; ob nun mit vielen oder wenigen Worten. Manchmal denke ich, die Unmöglichkeit miteinander zu sprechen, also so richtig mit Differenzieren, Nachfragen und allem Zipp und Zapp, diese Unmöglichkeit eröffnet eine andere Möglichkeit: ohne das wichtige Werkzeug eines Erwachsenen im Umgang mit anderen Erwachsenen - der Sprache -
begegnet man sich eher mit den Mitteln eines Kindes. Wie auf dem Spielplatz. Wenn man nicht gerade signalisiert, dass man dem anderen seine Schaufel wegnehmen möchte geht das meistens gut, meiner Erfahrung nach. Da wird nach Wörtern gesucht, bis man einsehen muss, dass auch viele Wiederholungen des vermeintlich simpelsten Ausdrucks nichts nützen. Arme, Hände, Finger fliegen durch die Luft, es wird gekichert und gelacht und gemeinsam sieht man irgendwann ein: reden wird nicht klappen. Umso mehr feiert man jeden kleinen Verständigungserfolg, den man sich zusammen erspielt.

Wie ich so mit Aycan dastehe kommen plötzlich zwei junge Männer vorbei. Franzosen, die sich freuen dass Aycan für Greenpeace unterwegs ist: „Wir sind in Frankreich aktiv bei Greenpeace!“ sagt einer. Sie sind übermütig, offenbar begeistert von Aycans Haaren und tänzeln etwas zu nah um sie herum. Aycan versteht natürlich nicht, was die beiden ihr zu sagen versuchen, der eine greift in ihr Haar und sagt sowas wie 'Keep on rolling', dann ziehen sie weiter. Aycan und ich sehen uns an und es ist klar; das war alles insgesamt etwas distanzlos, wir schütteln beide den Kopf und lachen drüber. Gemeinsam für den Moment.


Leider unscharf, ach, was solls...


Mittwoch, 12. April 2017

„Ich glaub, das liegt am Sessel“



Am Sonntagmorgen steht plötzlich ein Sessel an der Bushaltestelle. Er scheint sorgfältig platziert. Bei aller Auffälligkeit wirkt der Sessel an diesem Platz zugleich ganz selbstverständlich; lässig steht er da, als wolle er ein Weilchen bleiben. Mich berührt die Fragilität des Arrangements, das erwartbar Vorübergehende daran. Also mache ich ein Foto.
Nachmittags sitzen drei türkische Frauen dicht aneinander gerückt auf der Bank neben dem Sessel.
Noch etwas später sehe ich einen Mann an der Haltestelle. Er sitzt im Sessel. Aber nicht irgendwie; er hat richtig Platz genommen. Mit genau der entspannten, zurückgelehnten Haltung, zu der der Sessel - ganz perfekter Gastgeber - unaufdringlich einlädt.




Ich frage den Mann ob ich ihn fotografieren darf und setze mich anschließend neben ihm auf die Bank.
Er sei der erste, den ich im Sessel sitzen sehe, sage ich zu dem Mann und frage ihn, wie es wohl kommen mag, dass das neue Möbel nicht genutzt wird. Jaques überlegt einen Moment und ruckelt sich neu zurecht im Sessel: „Ja, also ich will den Bus ja gar nicht nehmen, da hatte ich das Gefühl, ich hab auch keine Berechtigung an der Haltestelle zu sitzen.“ Die Antwort verblüfft mich. Ich sehe Jaques an, ich sehe seinen Rücksack, die eingerollte Jacke - wie fragt man einen Menschen, ob er auf der Strasse lebt? Gar nicht, erst Mal. Ich kann nicht sicher sein, dass ich ihm mit der Frage kein schlechtes Gefühl verursache. Aber Jaques erzählt es selbst, noch immer der Frage nachgehend, warum der Sessel nicht genutzt wird. Mit einem schnellen Blick zur Seite, zu mir, sagt er: „Ich tippel so rum, ich leb auf der Strasse.“ Und dann: „Die Stadt, das sind die anderen. Ich erlebe die Stadt aus einer isolierten Position. Der Sessel gehört ja hier nicht hin, der ist ja eigentlich Sperrmüll.“




Mit 17 hat Jaques sich von der Schule abgemeldet, wie er es nennt. Er hat es dort nicht ausgehalten. Von seiner Familie hat er sich zurückgezogen.
Irgendwie lebt er seitdem auf der Strasse. Mit 22 ist er nach Amsterdam gefahren: „Fünf Jahre war ich dann dort. Dabei wollte ich nur ein Wochenende bleiben.“

Ich erlebe Jaques als scheu und wach und nachdenklich. Er lässt sich Zeit beim sprechen, er wählt die Worte wohl, mit dem Blick scheint er Worte und Gedanken in der Luft zu suchen, er nimmt sie genau, er wägt sie ab, er betont alles sehr bewusst, seine Finger und Hände helfen beim Sprechen. Fast ein bisschen lyrisch ist das alles, nur ohne Verse. Jaques hat viel Zeit und er beobachtet genau; er selbst wird meist übersehen. „Einer wie ich spielt in dieser Gesellschaft keine Rolle“, das sagt er und es klingt nicht bitter. Jaques fühlt sich außerstande ein normales Leben zu führen, arbeiten zu gehen, all das. Als roboterhaft empfindet er die meisten Menschen. „Ich führe das Leben eines Philosophen“, sagt Jaques und dass er 'mehr so ein Bursche' sei. Ich frage, was er mit Bursche meint: „So einer ... mit einerseits Pelz ... und süßen Seiten.“ Ich verstehe nicht genau was er damit meint, aber ich verstehe immer so vieles nicht, und nehme es dennoch in mich auf. Vielleicht verstehe ich es ja irgendwann.

„Ich bin schon traurig“, sagt Jaques, „Ich meine, es ist ja einiges schief gelaufen in meinem Leben.“ Dennoch lebt er gerne auf der Strasse, so ausserhalb von allem. Freunde hat er keine, aber es gibt etwas, das ihm vertraut ist – vielleicht die Gegend in der er sich meist aufhält. „Ich fühle mich wie in einem Netz; also kein Spinnennetz, das wäre ja Angst. Es ist ein gutes Netz.“ Jaques liest viel, er interessiert sich für Gandhi, Philosophie und die Wahrheit, seine eigene Wahrheit in seinem eigenen Tempo. Diese Auseinandersetzung mit sich, mit den Gedanken anderer, das gibt ihm Halt.




Eine Stunde lang sitze ich mit Jaques an der Haltestelle. Fünf oder sechs Busse halten an. Menschen steigen ein und aus. Einmal klopft ein Junge von innen an die Scheibe und macht das Daumen-hoch-Zeichen. Er lacht freundlich und scheint sich über Jaques im Sessel zu freuen. Wir haben ganz schön viel geredet, Jaques und ich, und er hat mir ein paar sehr persönliche Dinge erzählt. Kurz bevor unsere Begegnung zu Ende geht sage ich Jaques, dass ich vieles davon nicht schreiben werde, weil mein Gefühl ist, dass er es mir erzählt hat; im Vertrauen, off the record, wie man so sagt. „Ja“, stimmt er mir zu: „Ich glaub, das liegt am Sessel.“ Er lässt seine Hand schwer auf die Rückenlehne fallen und guckt den Sessel an, wie beim Abschied von einem guten Kumpel.



Sonntagmorgen mit Sessel


Später am Abend sehe ich, dass der Sessel weg ist. Die Bushaltestelle liegt da wie immer, als wäre nichts gewesen.





Dienstag, 11. April 2017

Löwenzahn



Von weitem sehe ich eine Frau, die gebeugt und mit suchendem Blick die Wiese abschreitet, sich immer mal bückt, ins Gras greift und dann etwas in einen kleinen Beutel steckt. Ich frage mich, was sie da wohl sammelt.
Um sie nicht zu erschrecken nähere ich mich ihr in einem weiten Halbkreis, denn sie ist so vertieft in ihr Tun, dass sie mich lange nicht bemerkt. Erst als meine Füße in ihr Gesichtsfeld rücken blickt sie auf, und nun sehe auch ich zum ersten mal, wem ich begegne.
Elsa ist Russin. Sie spricht ein zärtlich klingendes Deutsch mit russischer Färbung. Als ich ihr erkläre, warum ich sie anspreche und frage ob ich sie fotografieren darf, lacht sie überrascht. „Ich bin eine alte Frau“, sagt sie, als wäre damit die Absurdität meiner Idee ans Licht gebracht. Während sie das sagt sehe ich in ihrem Blick und in ihrem Lächeln Jugend und Alter zugleich. „Sie sehen toll aus!“, antworte ich mit ehrlicher Begeisterung.

Elsa sammelt Löwenzahn. Daraus kocht sie eine Art Sirup. „Man darf nur die Blüten abzupfen. Die Wurzeln müssen bleiben!“ Auf drei- bis vierhundert Blüten kommt ein Kilo Zucker. In diesem Jahr sei die Wiese sehr leer, sagt Elsa: „Im letzten Jahr war alles voll.“ Elsa hat Sorge, Löwenzahn zu sammeln könne verboten sein. Ich kann mir das nicht vorstellen und stelle später eine kleine Recherche an, die mir das bestätigt. In der freien Natur darf man vom wild Gewachsenem gar nicht mal so viel sammeln, pflücken oder 'entnehmen', wie es im Amtsdeutsch heißt. Beeren im Wald nur in Maßen und für den Eigenbedarf, Blumen auf der Wiese am besten gar nicht oder höchstens einen kleinen Handstrauss. Viele Kräuter, Blumen, Pilze stehen unter Artenschutz oder sind wichtig für das ökologische Gleichgewicht. Einzig Löwenzahn und Gänseblümchen sind von offiziellen Beschränkungen ausgenommen, wie es scheint.



Elsa ist Schauspielerin. In Kasachstan war sie am Theater beschäftigt. In Deutschland ist es schwierig für sie als Schauspielerin zu arbeiten.
Irgendwann hat sie von einem russischen Theater in Köln gehört: dem Pridwornij Theater. Dort ist sie nun im Ensemble. Am 22.4 sind sie mit einem Stück zu Gast in der Bühne der Kulturen. Es heißt „Die Schönheitskönigin“ und wird auf Russisch gespielt. Nach der letzten Probe hat Elsa sich Texte, Änderungen und Regieanweisungen auf Band gesprochen. Das hört sie nun, während sie Löwenzahn sammelt. Elsa spielt gerne Charakterrollen. „Wie ist jemand, wie geht er, wie bewegt er sich, was denkt er, warum ist er wie er ist, warum ist er dieser Mensch. Was fühlt er...“ Das, sagt Elsa, sei das Schöne an der Arbeit; sich auch in schwierige oder für einen selbst abwegige Charaktere hineinzuleben.
„Man muss schon wissen, wofür man lebt“, sagt Elsa – allerdings in einem anderen Zusammenhang. Ich finde aber, es ist ein schönes Schlusswort.