Montag, 18. Juli 2016

„Und jetzt noch eine Samba aus Brasilien!“



Gustav Ribbe ist mit der Musik groß geworden und sie hat ihn um die halbe Welt geführt. Zehn Jahre lang ist er mit der MS Deutschland - dem Traumschiff - unterwegs gewesen. Er war auch auf anderen Kreuzfahrtschiffen, aber das Traumschiff kennt nun mal jeder und deswegen wird auf dem Schild an seinem Keyboard nur das Traumschiff erwähnt. Ein laminiertes Stück Papier, provisorisch mit zwei Plastikklemmen befestigt, gibt Auskunft wer da hinter dem Keyboard sitzt und spielt: Gustav Ribbe, Musiker, Konzertpianist, Kapellmeister.
Dabei kennen die meisten Gäste ihn ohnehin. Manche kommen seit Jahren nach Cuxhaven, um ihren Urlaub hier zu verbringen. Und dann besuchen sie Gustav Ribbe, wo auch immer er gerade spielt. Als ich Gustav Ribbe treffe spielt er gerade im Terrassenzelt vom Strandhaus Döse, wohin mich ein stürmischer Platzregen führt. Es sind nur wenige Tische besetzt, aber für die gibt Gustav Ribbe alles - und zwar bestens gelaunt und mit Leichtigkeit.



Gustav Ribbe ist in Heilbronn groß geworden und das hört man ihm an. Sein Vater war Generalmusikdirektor in Stuttgart und hat früh Gustav Ribbes musikalisches Talent gefördert. „Ich habe auch einen Bruder, aber der ist gar nicht musikalisch. Der kann nur eine CD einlegen.“ sagt Gustav.
Sein erstes Instrument hat Gustav zu spielen begonnen als er drei Jahre alt war. Heute spielt er acht oder neun Instrumente, so genau weiß er es gar nicht: „Schlagzeug, Vibraphon, Trompete, Klavier ... na, alles was in der Kiste da drin ist.“ Die Kiste, das ist Gustav Ribbes Keyboard, auf dem er spielt, seitdem er in Cuxhaven ist: seit beinahe zehn Jahren.




Nach der Schulzeit hat Gustav Ribbe das Hamburger Konservatorium besucht und auch eines in Baden-Württemberg. Als junger Mann hat er in Peter Frankenfelds Fernsehshow Vergissmeinnicht mitgewirkt, das erzählt Gustav Ribbe nebenbei. Seine längste berufliche Verpflichtung ist er bei der Nato eingegangen: dort war er beinahe 30 Jahre lang als Kapellmeister tätig und hat Militärmusik gemacht. Seit er dort aus dem Dienst ausgeschieden ist war er in der Welt unterwegs; in Amerika zum Beispiel und in der Schweiz: „In Zermatt, das war eine der schönsten Zeiten in meinem Leben.“
Schließlich war er dann auf Kreuzfahrtschiffen engagiert: „Immer drei Monate waren wir unterwegs. Dann gab es eine kleine Pause und dann ging es auf dem nächsten Schiff weiter.“







Gustav Ribbe hat zehn Kinder: „Ich war fünf mal verheiratet.“ Kontakt hat er nicht zu allen Kindern, und auf meine Frage, ob er möglicherweise Kinder hat, von denen er gar nichts weiß, antwortet er ohne zu zögern: „Ja, das kann schon sein.“ Und nach einer kleinen Pause: „Ich war ein schlimmer Finger. Eines Tages stand hier eine junge Frau aus der Schweiz vor mir, die war 24, und die hat gesagt: Du bist mein Vater. Da hab ich kurz nachgerechnet. Das war in Zermatt.“ Gustav Ribbe erzählt das weder stolz noch hadernd. „Ich war halt immer verliebt.“




Eines Tages hat er einen Gastwirt aus Cuxhaven kennengelernt. Der hat ihn eingeladen bei ihm im Haus zu spielen. Freie Kost und Logis, solange er lebt, das hatte der Gastwirt ihm versprochen und auch gehalten. „Da hatte ich eine schöne Wohnung und Platz. Leider ist er aber schon nach wenigen Monaten gestorben.“
Heute lebt Gustav Ribbe allein in einer kleinen Ein-Zimmer Wohnung. Dort ist er von Notenbüchern umgeben: er spielt alles vom Blatt und betont, dass er jeden Tag was anderes spielen kann.

Irgendwann geht eine Kellnerin zu Gustav Ribbe ans Keyboard; gleich muss er Feierabend machen. Gustav zückt sein Portemonnaie und zahlt das Weizen, das neben ihm steht. Eine Frau aus dem Publikum wirft Geld in die rote Dose daneben.
„Und jetzt noch eine Samba aus Brasilien!“ ruft Gustav ins Zelt. Draußen regnet es noch immer.

Kommentare:

  1. Hach, wie ich sie liebe, Deine Portraits in Wort und Bild, liebe Smilla! Danke! Immer wieder!

    Gustavs Sprechweise hätte in mir bestimmt ein heimeliges Gefühl ausgelöst - ich habe mit 5 - 7 Jahren in Stuttgart gelebt. (Mir ist schon klar, dass Dialekt nicht gleich Dialekt ist! Für irgendwelche falschen Einordnungen bitte ich vorsorglich um Verzeihung! ;-))

    Ade, Gustav, mach's gut! Scheinst ein sympathischer Mensch zu sein!

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  2. ach wie schön.
    danke sehr, ich liebe deine portraits.
    so was von <3
    !

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  3. Viele wissen nicht, dass auch die "kleinen" Künstler, die in Bars, Cafés oder Kneipen spielen, in der Regel keine "verkrachten" Künstler sind, sondern eine ordentliche Ausbildung durchlaufen haben und sich - ebenso wie die Musiker in weltberühmten Orchestern - mit großer Hingabe ihrem Beruf widmen. Danke, dass das hier einmal gesagt wurde.

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  4. Sehr schön! Und dann noch der "schlimme Finger" gleich nach der Nahaufnahme der musizierenden Hand - mein Tag ist gerettet!

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  5. Ein Hoch auf das Gute in den Menschen!

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  6. Bin ich froh, dass du wieder da bist!

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