Samstag, 12. Juli 2014

Typ des Jahres



„So zu sein wie ich bin, das ist zuerst einmal meine eigene Wahrheit“, so hat Conchita Wurst zur dpa gesprochen. Sie sei kein Vorbild und sie erwarte nicht, dass sich nun jeder junge Mann eine Perücke aufsetze und dazu einen Bart trage. (nachzulesen zb. bei FAZ.net)
Ein paar junge Männer haben es aber doch getan, und sogar auch eine junge Frau: beim diesjährigen CSD in Köln war Conchita Wurst zwar nicht persönlich anwesend, aber dennoch irgendwie dabei.
Vermutlich kennen die Conchita-Doubles auch ihre ganz eigene Wahrheit; für diesen Tag jedoch haben sie ein populäres Bild gewählt, um sich und ihren Standpunkt zu zeigen. Ein Bild, das - zumindest in meinen Augen - für Mut, Präsenz und Freiheit steht. Und, ja, auch für Pathos. Na und?

Natürlich ist das Bild der Conchita Wurst keinesfalls für jeden positiv besetzt. Der russische Politiker Wladimir Schirinowsky sieht die Sache gänzlich anders: „Unsere Empörung ist grenzenlos, das ist das Ende Europas“, sagte er im russischen Fernsehen.




Von der Zukunft erhoffen sich wohl die meisten Menschen, dass sie gut wird. Vielleicht sogar besser: als das Jetzt, als das Vergangene. Den Ausruf „We are unstoppable!“ den Conchita Wurst mit hochgereckter Faust in die Weiten der Eurovison-Song-Contest-Welt hinaus schallen ließ, verstehe ich als Selbstermächtigung. Als eine Ankündigung die eigene Zukunft lebenswürdig zu gestalten, dafür zu kämpfen, dass Homosexualität nicht verheimlicht werden muss.

Morgen endet die WM. Aber nach der WM ist ja vor der WM, oder so ähnlich. Jedenfalls winkt aus der Ferne schon die nächste WM herüber. Und auch die Übernächste. Beide finden in Ländern statt, in denen Homosexuelle diskriminiert werden: in Russland ist 'Homosexuellen-Propaganda' verboten, in Katar Homosexualität gleich ganz.
Für das Tabuthema Homosexualität im Fussball ist die Zukunft in Bezug auf etwaige Unstoppable-ität also durchaus als trübe zu betrachten. An dieser Stelle ist übrigens meine Empörung grenzenlos: da kann die FIFA Antidiskriminierungs-Banderolen auf dem Spielfeld ausrollen lassen wie sie will. Die nächsten 8 Jahre hat sie vorgefärbt.
Ende Juli bekommt der ehemalige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger bei der 11 Freunde Meisterfeier in Hamburg einen Preis überreicht: in der Kategorie Typ des Jahres. Hitzlsperger hat im vergangenen Januar seine Homosexualität öffentlich gemacht. Auch ihm geht es um einen normalen Umgang mit Homosexualität; darum, sich nicht damit verstecken zu müssen.

Eigentlich ist es bitter, dass die Entscheidung, die eigene sexuelle Ausrichtung nicht länger zu verheimlichen eine öffentliche Ehrung des Fußballers nötig macht. Mit Blick auf die herrschenden Umstände aber ist es leider prima und als Zeichen von Akzeptanz und Solidarität zu werten.

Conchita Wurst ist für mich auch so ein Typ des Jahres. Beim CSD haben sich ein paar andere Conchitas mit ihr solidarisch gezeigt, oder ihr möglicherweise die Ehre erwiesen. Oder beides. Ich habe mich jedenfalls über jede Conchita gefreut.

Mehr Fotos: bitte hier entlang ...

Dienstag, 8. Juli 2014

Die Wimpern von BayBJane


BayBJane

Die Arbeit hat mich nach wie vor fest im Griff; am Sonntag hat sie mich dankenswerter Weise die diesjährige CSD-Parade in Köln miterleben lassen. Dort bin ich, wie ich allerdings erst nachträglich per mail erfahren habe, den Drag Queens BayBJane und Cybersissy begegnet, die sich kurz vor Beginn des Zuges auf einer LKW-Laderampe ausgeruht haben. Unzählige andere müssen schon vor mir um ein Foto gebeten haben, denn als sich Cybersissy mit ihrem gelb-gigantischen Kopfputz ihrem kleinen Grüppchen zuwendet und über meinen Wunsch informiert, vernehme ich deutlich ein müdes „nooochmal ...“, dass Hand in Hand mit einem wenig begeisterten Fragezeichen daherkommt. Cybersissy aber befindet mit spielerischer Beißlaune dass ich wichtig aussehe, was ich natürlich bejahe. Für mich selbst bin ich wahnsinnig wichtig. So gesehen hat sie also völlig Recht.



Tim Lienhard, hinten links, Cybersissy und BayBJane, vorne.

Der Autor, Produzent und Regisseur Tim Lienhard hat über Cybersissy und BayBJane einen Film gedreht: One Zero One. „So schief wie ich bin, ich bleib wie ich bin“, sagt Mourad Z. alias BaBJane im Trailer. Die Art wie er das sagt, sein Blick und die Musik, die im Hintergrund die Szene trägt, berühren mich auf eine wesentliche Weise. Ich bin neugierig auf den Film. Nachträglich ist es mir um so mehr eine Ehre, die drei fotografiert haben zu dürfen.
Und diese Wimpern von BayBJane ...




Weiter gehts meinem kleinen CSD Rückblick in Bildern, der quasi am Wegesrand der Arbeit entstanden ist. Hurra!
Bitte hier entlang ...