Dienstag, 28. Januar 2014

100 Jahre Leben



Heute wird Frau E. einhundert Jahre alt. Mit einer Mischung aus Skepsis und Freude hat sie bei meinem gestrigen Besuch gesagt, in ihren Augen sei das keine besondere Leistung. Auf die Welt zu kommen, das sei die wahre Leistung.
„Etwas in mir ist noch zu gesund zum sterben“, sagt Frau E., die sich viele Gedanken über den Tod macht, und das habe ich sie schon manchmal sagen hören. Dabei hebt sie wie bedauernd die Augenbrauen und die Schultern und lächelt mit müder Akzeptanz im Blick.

Ich habe Frau E. gestern nach einer langen Weile wiedergesehen. 2012 habe ich sie sehr häufig besucht, 2013 habe ich sie sehr vernachlässigt. Ich empfinde das als unverzeihlich.

Es fällt mir nicht leicht, über Frau E. zu schreiben. Trotz meiner Treulosigkeit im vergangenen Jahr verbindet uns etwas sehr Besonderes. Der Weg zwischen uns ist kurz, nach wie vor. Frau E. besitzt einen regen Geist, der niemals zur Ruhe zu kommen scheint. Immer ist sie interessiert, innerlich mit etwas beschäftigt, und ihre Gedanken teilt sie in wohlformulierten Worten gerne mit. Wir haben viel geredet und auch ein bisschen was miteinander erlebt. Deswegen müsste ich nun alles schreiben, oder gar nichts.
Für alles brauche ich noch Zeit. Ihren einhundertsten Geburtstag gar nicht zu erwähnen würde aber dem besonderen Anlass nicht gerecht werden.

Frau E. ist immer gerne gegangen. Das hat sie mir erzählt. Auch als hochbetagte Dame hat sie ihren Rollator stets flott voran geschoben. Das habe ich erlebt. Inzwischen sitzt sie im Rollstuhl, den sie als Gefängnis empfindet. Frau E. hat ihr persönliches Jahrhundert durchschritten, und mir scheint, dass all diese Schritte im Innen und im Außen ihren wachen Geist beschreiben, der nicht bereit ist, stehenzubleiben

Liebe Frau E., ich weiß, dass Sie selbst dem heutigen Tag mit gemischten Gefühlen begegnen. Ich aber möchte mich bedanken für Ihre einhundert Jahre Leben, und ich feiere Sie dafür. Im Herzen.




Montag, 27. Januar 2014

31 Stockwerke



In Köln Ehrenfeld steht ein Hochhaus – das Herkuleshochhaus. Es ist eines der höchsten Gebäude der Stadt, und es dürfte in Köln kaum jemanden geben, der es nicht kennt. Von weitem wirkt seine Fassade, als wäre sie bunt gekachelt, und sie passt somit eigentlich ganz gut nach Köln, denn viele Hausfassaden sind hier gekachelt. Das ist selten wirklich schön, aber insgesamt ist es ein vertrauter Anblick in dieser Stadt. Das Herkuleshochhaus hat durch seine Fassade, sowie durch seine für Köln eher ungewöhnliche Höhe sogar einen gewissen Kultstatus erlangt. Es schmückt Postkarten, Frühstücksbrettchen und mit Fotomotiven bezogene mdf-Platten einer modernen Szene, die  eine inzwischen etablierte Form des Lokal– bzw. Regionalpatriotismus abbildet. Dennoch hat das bunte Haus, das auch Papageienhaus genannt wird, nicht den allerbesten Ruf. Vage Gerüchte machen ebenso vage die Runde; um den Zustand des Hauses und den der Wohnungen, und um deren Bewohner. Von Drogen, Kakerlaken, „nur Ausländern“ und Polizei ist die Rede, von Suizidanten, die sich am Pförtner vorbei ins Haus hineinschleichen, weil es hoch genug ist um herunterzuspringen. 




Neulich habe ich zufällig gelesen, dass im Herkuleshochhaus rund tausend Menschen leben. Das ist eine beachtliche Zahl, die ich seitdem versuche mir vorzustellen.

Von weitem sieht das Haus vor allem groß aus. Das ist es auch: 102 Meter ragt es in die Höhe, 31 Stockwerke versammeln sich darin. In China würde man erst seit 2 Metern überhaupt von einem Hochhaus sprechen, in Köln gilt ein anderer Standard. Wenn man sich dem Haus nähert, wird es plötzlich seltsam klein. Je näher man kommt, desto weniger raumgreifend wirkt der Bau, denn plötzlich befindet man sich in einer recht gewöhnlichen Wohnstrasse, von der aus man auch den Hauseingang sehen kann. Damit wird das Haus real und greifbar.
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Dienstag, 7. Januar 2014

Komm, Röb, wir gehen



Jedesmal wenn Herr M. mit seinem Rad durch die Thielenstrasse fährt, wird irgendeine Erinnerung aus Kindertagen wach. Denn hier hat er die ersten Jahre seines Lebens verbracht, als zweitältester von vier Geschwistern; drei Jungen und ein Mädchen. In der Nummer 8 haben sie gewohnt, Parterre rechts, im Hinterhof war eine Wiese.
Wir schlendern gemeinsam die Strasse entlang; Herr M. möchte mir zeigen, wo seine Verwandten gelebt haben; der Bruder vom Vater und die Schwester, die schräg gegenüber ebenfalls Parterre wohnte: „Sie hat den ganzen Tag am Fenster verbracht, so rausgebeugt,“ erklärt Herr M. und macht mir vor, wie seine Tante sich aufs Fensterbrett gestützt hat.
Die Tante mochte er nicht: „Sie hat den ganzen Tag getuschelt, immer so ...“ sagt Herr M. und macht 'bsbsbsbs' dabei, und seine Finger führen am Mund eine wispernde Bewegung aus. Dem kleinen Robert hat das Angst gemacht, denn er fürchtete stets, es könne dabei um ihn gehen.




„Ich habe schon manchmal überlegt, dass ich gerne nochmal ins Haus gehen würde. Wenn die Müllabfuhr kommt, kann man schon mal reingucken,“ sagt Herr M. als wir vor der Nummer 8 stehen. Die Tür ist verschlossen, der Müllwagen ist vor einer Weile an uns vorbeigefahren. Herr M. hat den Müllmännern gewunken und etwas rüber gerufen. Er kennt auch heute noch viele Menschen in der Strasse, dauernd grüßt er jemanden und hält einen kurzen Schwatz. Seit über 40 Jahren arbeitet er in der Druckerei an der Ecke, da kennt man natürlich die Nachbarschaft.
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