Dienstag, 24. Dezember 2013

Fülle



Vor ein paar Tagen war ich beim Supermarkt am Platze einkaufen. Es war Samstagmittag und die anderen waren auch schon da. Der ganze Laden war voll: voll mit Menschen, voll mit Waren, auch die Einkaufswagen waren voll und an der Kasse waren die Laufbänder voll, von denen im Übrigen nicht mehr all zuviel zu sehen war.
So lang ich denken kann, hat mich derart zelebrierte Fülle seltsam emotionalisiert. In mein formuliertes Bewusstsein gerückt ist dieser Umstand, als ich 15 oder 16 war: ich saß in einem Café und es war voll: voll mit Menschen, voll mit Kuchen, voll mit vollen Tellern. Mich hat damals eine Welle enormer Traurigkeit erfasst, und zwar mit Wucht. Bis heute habe ich nicht wirklich ergründet, was mich daran derart berührt. Aber darum soll es jetzt auch gar nicht gehen.
Weiter gehts, bitte hier entlang...

Vor mir an der Kasse stand ein junger Mann, der sein kleines Tütchen frische Walnüsse gar nicht erst aufs Band gelegt hat. Vor ihm stand ein alter Mann. Er hatte eine alte Kappe auf, eine alte Jacke an, sein Rücken war gebeugt, und sein rechtes Bein war noch krummer als das linke, so dass er etwas schief und scheinbar wackelig neben seinen künftigen Besitztümern darauf gewartet hat, dass er dran ist. Er hatte Kartoffeln, Kohlrabi und anderes Gemüse aufs Band gelegt, und auch ein Fertiggericht im Doppelpack: Königsberger Klopse mit Kartoffelbrei und irgendeinem Gemüse. Zwei Aluschalen von stabiler Pappe umhüllt.

Während das Band langsam all die Waren weiter nach vorn befördert hat und die Lesegeräte tapfer vor sich hin piepten, nahm der alte Mann plötzlich die Packung und stellte sie zurück in den Aufsteller kurz vor den Kassen.
Wie gesagt, mich hatte die Gesamtsituation im Supermarkt innerlich schon weichgekocht. Aber dieser kleine Moment hat mich die Atmung einstellen lassen. Das passiert schon mal, wenn ich etwas Zeit brauche.
Ich habe die Packung dann wieder aus dem Aufsteller genommen und zu meinen eigenen Einkäufen getan. Für mich war klar: 5 Euro 95 waren ihm am Ende doch zu teuer.

Nachdem der alte Mann bezahlt hat, ist er zum Einpacktisch gewackelt, hat sein Geld und die Einkäufe verstaut und sich dann Richtung Ausgang begeben. Ich selbst habe meine Tasche hektisch gepackt,  ich wollte ihn ja nicht aus den Augen verlieren.

Draußen hat der alte Mann eine alte Frau getroffen. Sie saß auf ihrem Rollator und schien es nicht weiter eilig zu haben. Der alte Mann hat seine Einkaufstasche abgestellt und sie haben ein wenig geplaudert. Ich habe auch meine Einkaufstasche abgestellt und ein wenig auf mein Handy gestarrt. Dann hatten die beiden sich offenbar alles erzählt, denn sie schwiegen und jeder guckte ein bisschen in seine eigene Ferne.

Schließlich ist er aber doch weiter gegangen, der alte Mann, und als ich sicher war, dass niemand uns sieht, habe ich ihn angesprochen. Das ist mir nicht ganz leicht gefallen, denn ich wollte ihn auf keinen Fall beschämen. Es hat ein wenig gedauert, bis er verstanden hat, dass ich ihm die Königsberger Klopse gerne schenken wollte: „Ja, hamse die für mich gekauft?? Sie wollen die gar nicht?“ fragte er schließlich und schüttelte dabei den Kopf.
Dann hat er mich darüber aufgeklärt, dass er die Packung wegen des Verfallsdatums zurückgestellt hat. Offenbar lag das ungünstig für seinen persönlichen Speiseplan.

Da stand ich nun mit meinen Königsberger Klopsen und kam mir ein bisschen doof vor. Ich habe ihn gefragt, ob er sie trotzdem haben möchte, ich selbst würde sie nicht essen. „Na, dann will ich Ihnen mal keinen Korb geben,“ hat der alte Mann gesagt, und dass das aber wirklich sehr nett sei von mir.
Wir haben noch eine Weile hin und her gelächelt, uns frohe Festtage gewünscht und sind in entgegengesetzen Richtungen davon marschiert.

Auf dem Heimweg war sie wieder da, diese eigentümliche Traurigkeit, die zu tun hat mit Fülle und Mangel. Ich dachte, dass der alte Mann es eigentlich verdient hätte, dass man ihm persönlich Königsberger Klopse kocht, und nicht nur  ein blödes Fertiggericht kauft. Ich dachte auch, dass das wahrscheinlich viel mehr meine Geschichte ist, als die des alten Mannes, der nun aber meine emotionale Schieflage auszubaden hatte. Ich dachte, vielleicht stimmt das mit dem Verfallsdatum ja gar nicht. Und ich dachte, dass es bestimmt doch stimmt.

Diese Geschichte hätte mir so auch an allen anderen Tagen im Jahr passieren können, das weiß ich seit den vollen Kuchentellern. Aber Weihnachten ist perfekt für Projektionen aller Art.

Ich wünsche  euch allen schöne Tage. Und etwas Ruhe.



Kommentare:

  1. Du beschreibst da etwas, was mich auch immer wieder befällt. Und dann befällt mich auch immer wieder das dialektische Denken der familie K. und ich mache solche Sachen wie du es gemacht hast, NICHT! Und auch SO gerate ich in eine emotionale Schieflage...
    Ich glaube, wir sind inzwischen so verkopft und trauen unserer Intuition und den Gefühlen nicht. Eigentlich bin ich gerne ein Mensch, der gibt, auch in Fülle. Das BIN ich. Ich sollte mich mehr achten, finde ich, dann wird's auch richtig. Oder wie siehst du das?
    Schöne Weihnachtstage wünsche ich dir!
    Herzlichst
    Astrid

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  2. Genieß die Feiertage mit deinen Lieben. Gemeinsam Zeit zu verbringen ist viel wichtiger, als alle vollen Gabentische. Deswegen verschenken wir in diesem Jahr vor allem Zeit.
    Danke fürs Teilen dieser Begegnung.

    Liebe Grüße, Carmen

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  3. ja.
    eine eigentümliche zeit.
    alle sind unterwegs, als ob die materielle fülle die löcher der sehnsucht im eigenen herzen stopfen könnte.
    tränen in den augen.
    danke für dein feinfühliges ausleuchten der situation.

    dir & deinen lieben
    wünsche ich eine frohe, friedliche zeit.

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  4. Jetzt muss der Kloß im Hals schnell weg, denn gleich rückt meine Familie an!

    Ein frohe Fest und DANKE!

    ♥ Franka

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  5. .... und wenn es stimmt! Die liebevolle Geste dahinter hat ihn bestimmt berührt! So Etwas sollte viel öfter passieren!
    Schöne Weihnachten, und danke für all die wundervollen Geschichten!!!

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  6. Liebe Smilla, wer schaut schon an Heiligabend einen Blog an..... auch das gäbe Raum für Interpretationen ohne Ende. Ich wollte Ihnen danken für Ihre mich anrührende und so nachvollziehbare Geschichte, Ihre Ehrlichkeit, Ihren liebevollen, so gar nicht ironischen Blick auf die Menschen. Ich lese Ihren Blog (und nur Ihren) fast so lange, wie es ihn gibt, weiss gar nicht mehr, wie ich ihn damals gefunden habe. Eine kleine Perle im worldwideweb. Danke dafür und schöne Weihnachten. Regina aus Basel

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  7. Danke für diese Zeilen.
    Trotz Seelenschieflage wünsche ich Dir und Deinem Liebsten ein paar ruhige Tage und viele lichte Momente.
    Herzlichst
    Oona

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  8. Smilla, ich kenne Dich nicht, aber ich möchte Dich spontan und virtuell knuddeln - darf ich ?
    Das war ganz lieb von Dir.
    Oft ist es schwer in die Menschen zu schauen. Das Leben ist gepflastert mit Fettnäpchen, aber nur wer riskiert ab und an eins zu treffen, bewegt sich lebendig. Oder wie man sagt, nur wer etwas tut, kann Fehler machen.
    Ob es einer war ? Ich glaube nicht !
    Frohe Weihnachten und herzliche Grüße.

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  9. *schluck* Stimmt, das kann an jedem anderen Tag auch passieren, aber gerade an Weihnachten packt es einen irgendwie mehr...

    Schöne Feiertage :)

    Lg
    Maja (die hier sehr gerne liest)

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  10. ja, genau das kenne ich - das hätte von mir sein können. Dieses Verstörtsein von der Fülle und die daraus folgende, fast immer unangemessene Reaktion.
    Dir schöne Weihnachten in reduzierter Form und danke für deinen wunderbaren Blog.

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  11. Das ist doch der Sinn der Weihnacht! Das HERZ öffnen ...! Und du hast hier ein großes Herz bewiesen. Nicht nur, dass dir dieser alte Mann aufgefallen ist, du hast dir Gedanken gemacht, wolltest ihm helfen, ihn aber auch nicht beschämen. Auch, wenn er es vielleicht nicht als so notwendig erachtete. Es ist das Herz, das dahinter steckt. Und du hast ein großes gezeigt.
    So wünsche ich dir weiterhin ein offenes Auge und ein liebevolles Gemüt.
    Dir und deinen Lieben ein schönes Weihnachtsfest und ich freue mich schon auf "deine" Geschichten im neuen Jahr.
    Sei herzlich gedrückt
    Claudia

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  12. Heute Morgen lese ich Deinen Post zum zweiten Mal (das erste Mal war's kurz nach Mitternacht). Am Ende schaue ich nachdenklich nochmals den Titel an: "Fülle" - "In Hülle und Fülle" assoziiere ich weiter. Tja, und so ist es wohl; manchmal sehen wir zumindest auf den ersten Blick nicht nur von den Waren, sondern auch von den Menschen nur die "Hülle", die dann mitunter wohl weniger aus den Mitmenschen selbst als aus uns und unseren inneren Geschichten und daraus folgenden Projektionen "gemacht" ist...

    Mich befremden derartige Menschen- und Warenmassen auch oft; schon im Alltag und tatsächlich vor solchen Feiertagen wie Weihnachten gefühlt noch mehr! Aber auch, wenn ich dann des Öfteren ähnlich zu denken und zu fühlen scheine wie Du es von Dir mit Deiner gewohnt exakten Beobachtungsgabe beschreibst, habe ich meiner Erinnerung nach noch nie nach diesem inneren Empfinden so gehandelt wie Du. Auch das liegt wohl an alten Geschichten, die in meiner inneren Welt dann immer noch gelten - und zwar mitunter erschreckend absolut. Auch darum soll es hier nicht weiter gehen, es geht aber in Richtung: "Bloß kein Geld - oder eben ein Äquivalent - annehmen, wenn es Zeichen des Mitleids ist!" Ich glaube, diese innere Sperre versperrt mir oft auch, eine vermeintliche Not anderer überhaupt so weit anzuschauen, dass ich anschließend entscheiden könnte oder merken würde, ob sie echt vorhanden oder nur von mir projeziert ist. Wohl deshalb berührt mich so sehr, dass Du Dir diesen Blick nicht von innen oder außen verbieten lässt, sondern selbst wenn ein Fettnäpfchen auf der Wegstrecke sich auftut, die Schritte wagst, die dann für Dich und letztlich vielleicht auch für Dein Gegenüber und im Übrigen den Kommentaren nach zu urteilen auch für Deine BlogleserInnen letztlich eine ganz andere Art von Fülle spürbar werden lassen.

    Danke für das Teilen dieser besonderen Weihnachtsgeschichte und auch Dir frohe und geruhsame Feiertage!

    Dankbar grüßt Deine Leserin Anna

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  13. liebe smilla!!!
    immer wieder wunderbar, deine geschichten zu lesen!
    danke, danke, danke!
    waldwanderer

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  14. Ich verstehe sehr gut, was Du meinst ! Und Du hast es wundervoll geschrieben. Dennoch glaube ich, dass es eine gute Tat war, dem Mann die Klöpse zu schenken, denn dadurch hast Du ihm gezeigt, dass es noch Aufmerksamkeit und Wärme gibt, trotz allen Konsums, und Menschen, die sich um andere kümmern.
    Das hilft die Welt ein Stückchen wärmer zu machen und auch gegen Schieflagen :-)

    Frohe Weihnachten liebe Smilla !
    Eve aus Klein Gallien

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  15. Da frage ich mich "was oder wen kann man noch vertrauen?" Was ist richtig, was ist falsch? Leider habe ich fuer meinen Teil festgestellt, dass ich durch all diese "Enttauschungen" verhaertet wurde. Auch nicht gut , aber Selbstschutz.
    Diesen Weihnachtsstress-und -kaufwahn finde ich sowieso abstossend. Ich lernte daraus, dass die Menschen sich es einfach selbst schwer machen.
    Die meisten glauben noch immer, mit Aeusserlichkeiten wie Geschenke etc.
    kann man sich den Seelenfrieden kaufen.
    Loslassen, im Jetzt leben und Nichtwollen, ist , was ich gerade uebe zu erreichen. Ein gesundes und glueckliches Neus Jahr, Smilla.

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  16. Liebe Smilla, bevor ich auf das "BITTE HIER ENTLANG-Sesam öffne Dich" klickte, beamte ich mich erst einmal in Dein volles Cafè und spürte in mich rein. Ich wollte es wissen.....Also - schön war das Gefühl für mich auch nicht. Die große Fülle läßt wenig Platz für Anderes. Ist zu laut. Und ein Verdränger. Macht unbeweglich......

    Deine Königsberger Klopse-Geschichte ist sehr anrührend und gefällt mir sehr gut! Ich bin mir sicher, daß die Klopse dem alten Mann königlich schmecken werden! Und vergessen wird er diese weihnachtliche Begegnung sein Leben lang nicht :)

    Jetzt wünsche ich Dir frohe, ruhige Feiertage und freue mich auf neue Geschichten & Fotos von Dir. Liebe Grüße *Hanne*



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  17. Mit nassen Augen, liebe Smilla, sage ich danke.

    Und... lieber hin- als wegschauen, lieber zu viel tun als gar nichts! Ich kenne die Art Ihres Kopfkinos angesichts solcher Situationen. Schlimmer macht der Gedanke zu schaffen: "hätte ich doch nur...."
    Frohe Festtage

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  18. holger_w_aus_e@gmx.de26. Dezember 2013 um 08:03

    Weihnachten war als Kind immer etwas so besonderes. Das erwachsen werden hat mir so vieles genommen. Nicht nur Weihnachten.
    Ich will meine Oma zurück.
    Ich will Weihnachten zurück.

    Für immer 12

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  19. Dein Gefühl an der Kasse, die Situation ähnlich, kenne ich auch. Ich mußte beim Lesen weinen...Ich mag dich, Smilla!
    Lu

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  20. Losgeklinkt vom Kopfkino der Konjunktive: Zwei Menschen haben sich wahrgenommen und sich etwas ihrer Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt. Obwohl es "nicht sein musste". Darum geht es und darum ist alles gut.
    Fröhliche Feiertage! Bele

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  21. So was mache ich auch manchmal ,so aus dem Bauch raus und es sind immer spannende Begegnungen,die mir zeigen ,dass ich lebe..... Doro

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  22. Eine schöne Geschichte!!
    Biene

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