Montag, 16. September 2013

l'héroïne


Manche Menschen spreche ich so spontan an, dass ich selbst ganz überrascht bin. „Hallo...“ höre ich mich dann sagen, oder „Guten Tag, entschuldigung...“ während ich 'Huuch‘ denke und mich erst mal flott neu orientieren muss. Die Überraschung meines Gegenübers ist vermutlich noch ein bisschen größer, aber es herrscht dann dies­bezüglich immerhin so etwas ähnliches wie Gleichstand. Um so schöner also, wenn sich gleich hernach mit Leichtigkeit auf kurzen Wegen ein Gespräch entwickelt, das dem Small Talk gewissermaßen einen Platz am Katzentisch zuweist.
Sometimes I approach people so spontaneous so that I'm surprised myself. „Hello ...“ I hear myself saying, or „Excuse me, please ...“, while I think 'Oops', trying to reorganize myself quickly. The person I approach is probably even more surprised, but after all, at least it's a bit of drawing a level. So it's even more commendable if after a few seconds it seems to be more than easy to talk in such a personal manner, that you wouldn't name it small talk at all.



Anne Marie ist kurz vor Ladenschluss auf ihrem eiligen Weg noch ein paar Einkäufe zu tätigen, als ich uns beide wie beschrie­ben überrasche und sie anspreche. Warum ich sie fotografieren möchte, fragt Anne Marie. „Weil Sie so besonders aussehen.“ antworte ich, und weil ich es auch gerade nicht besser erklären kann füge ich hilflos noch etwas an wie „Toll“ oder „Schön“, während ich hoffe, dass Anne Marie mir meinen Jeans-Look verzeiht, der mir neben ihr beschämend nachlässig erscheint.
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Anne Marie is in a hurry to do some shopping before closing-time when I surprise both of us as mentioned above, by approaching her. Why I want to take a photo of her Anne Marie would like to know. „Because you look so special“ I say, and because for the moment I'm not able to put it into better words, I add something like „great“ or „beautiful“, while I hope that Anne Marie would'nt judge me for my simple denim-look, which to me seems to be embarrissingly sloppy  beside her.
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„Ach, alle Menschen sehen doch besonders aus,“ antwortet Anne Marie, und ich schmecke ihren Worten hinterher, ob darin wohl Koketterie verborgen sei. Aber nein, sie meint das wirklich. Dann zeigt Anne Marie auf eine Frau, die vorübergeht und sagt: „Die sieht auch besonders aus.“ „Mag sein,“ erwidere ich, „aber wie soll ich sagen, sie spricht mich nicht an.“ Das Besondere, das Schöne ist am Ende eben doch eine recht subjektive Angelegenheit.
„Ich falle gerne auf und ich steh auch gern im Mittelpunkt.“ sagt Anne Marie,  „Ich genieße das. Und ich zieh mich gern schön an.“ Heute sei sie übrigens ganz normal gekleidet, es sei nämlich ihr freier Tag: „In dem Kleid putz ich auch die Wohnung.“
Anne Marie arbeitet in einer Boutique, die passenderweise den Namen l'héroïne trägt.
Ich selbst, erkläre ich, lege es eher wenig darauf an aufzufallen: „Das irritiert mich nur und strengt mich an.“ sage ich: „Und überhaupt habe ich auch nicht viel Kleidung. Manchmal fürchte ich, dass ich deswegen auffalle ... naja, so ist das bei mir.“ Anne Marie versteht, sie nickt und lacht und wirkt dabei, als sei bei ihr im Mittelpunkt noch reichlich Platz für andere.
„Well, everyone looks special, however,“ Anne Marie replies, and I try to figure out, whether this is coquettish or not. But no, it's obviously not, she really means it. Then she points at a woman passing by: „She looks special too.“ „That may be true,“ I answer, „but she doesn't catch my attention.“ Specialness, beauty is a matter of a quite subjective perspective, after all.


„I like to attract attention, I like to be the center of attention.“ Anne Marie says, „I enjoy it. And I like to dress up.“ Today she's dressed quite ordinary, she says, for the reason that it's her day off: „In this dress I would also clean my appartment.“
Anne Marie works in Boutique with an appropriate name: l'héroïne.
I explain, that I don't put effort on catching attenention through my style: „It irritates me and it strains me. And after all, I don't have too much clothes anyway. Sometimes I'm afraid I catch attention through this ... well, that's all me.“ Anne Marie nods, she understands and laughs, and seemingly there's still quite some space for others in her center.



Anne Marie lebt und arbeitet mitten in Brügge, nur einen Steinwurf entfernt vom Marktplatz, dem touristischen Epi-Zenrum der Stadt. Ob ihr das nicht manchmal ein bisschen viel sei, mit all den Touristen, frage ich. „Ganz ehrlich?“ sagt sie: „Manchmal schon ...“ Ich frage was sie gerne anders hätte, ob es etwas gibt was sie gern ändern würde: „Oh, was soll man ändern? Es ist nichts falsch an den Touristen. Sie gehören dazu, sie machen, was Touristen eben machen. Man kann niemanden ändern. Man kann nur sich selbst ändern. Vielleicht muss ich also meine Einstellung dazu ändern. So sehe ich das.“

Interviews enden meist mit der Floskel: „XY, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.“ Meist verstört mich dieser Schlusssatz, aber heute schreibe ich ihn auch: Anne Marie, ich danke Ihnen für unser Gespräch!
Anne Marie lives and works just around the corner of the Market in Bruges, the touristical epi center of the city. I ask her, if all those tourists aren't bothering her sometimes. „To tell the truth,“ she says, „sometimes, yes ...“ So I ask, if there's anything she would like to change, what should be different to her mind. „Oh, what am I to change? There's nothing wrong with the tourists. They go with Bruges, and they do what Tourists do. You can't change anybody. One can only change oneself. So maybe I should change my mind towards this. That's the way I see it.“



Interviews often end with the set phrase: XY, thank you for this conversation.“ Mostly this closing phrase irritates me. But this time I write it myself: Anne Marie, thank you for our conversation.

Kommentare:

  1. Von mancher Leute Mischung aus wie es scheint echtem Selbstbewusstsein und gleichsam echter Toleranz kann und sollte man wahrlich noch etwas lernen!

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    1. naja, vermutlich bringt 'echtes Selbstbewusstsein' auch die Fähigkeit zur Toleranz mit.

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  2. Diese Lady wäre mir auch aufgefallen. Schön geschrieben auch, schöner Post!
    Herbstliche Grüße, geisslein

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  3. Ich liebe deine fotostorys... sehr elegant und charismatisch die heutige protagonistin.
    ich glaube ich wäre nicht so mutig im menschen ansprechen...bekommst du öfters einen korb? Es gehört ja auch mut dazu sich einer fremden person so spontan zu öffnen. schöne grüße von katja

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    1. Nein, sehr häufig passiert das nicht, dass Menschen ablehnen. Aber es passiert schon immer mal wieder und manchmal finde ich es wirklich jammerschade, aber ich möchte auch niemanden überreden, also akzeptier ich es dann und gut..
      Ich bin aber, wie beschrieben, auch immer sehr erstaunt und froh, was alles paasiert, wenn man die Menschen einfach anspricht.. Eigentlich ist es gar nicht so schwer ins Gespräch zu kommen..

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  4. Was für ein markanter wunderschöner Haarschnitt.
    Das ist das Erste das mir durch den Kopf schießt.

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  5. Wirklich eine interessante selbstbewusste Frau mit tollen Lachfalten hast du da wieder angetroffen.
    Danke euch Beiden......
    LG
    Christine

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  6. Hey ;)

    erst mal: dein Blog ist echt klasse, ich glaube, ich hätte nie den mut einfach so Leute auf der Straße anzusprechen :D Ich zieh mich auch nicht normal an, aber ich glaube ich wäre nicht so stolz wie Anne Marie wenn man mich deswegen ansprechen würde :)
    Auf jeden Fall vielen Dank für deine Mühe, die du dir machst, die Stories mit uns zu teilen :) Und danke, dass sie übersetzt sind *lach*

    LG
    Riki (aus Mission, BC, Kanada)

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  7. Lese mich brav von hinten nach vorne durch seit dem 20.8., wie Du sicherlich an den Kommentare gemerkt hast. Die ganze Zeit warte ich schon darauf hier anzukommen.
    Anne Marie strahlt so schön. Gern hätte ich mehr von ihr gelesen.

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  8. auf jeden fall eine interessante frau und noch immer sehr hübsch - diese annemarie

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  9. Moin Smilla,
    ich durchsuche gerade Deinen Blog nach den Kurz-Portraits aus früheren Tagen. Und bin wieder hier hängengeblieben. Es ist schön, dass eine oder andere Foto von interessanten Menschen zu sehen.
    Und wieder bin ich angetan davon, was doch jeder einzelne Mensch für eine spannende oder bewegende Biografie hat.
    Das freut mich einerseits, denn es zeigt die Vielfalt und die Möglichkkeiten.
    Andererseits (der kleinere Teil) macht es mich traurig, dass ich aus meinen Leben nicht viel gemacht habe.
    Ich lese weiter hier und da bei Dir.
    Erfreue mich an Deinen besonderen Fotos und der schönen Art, wie Du die Dinge aufschreibst bzw. die getroffenen Menschen beschreibst. Aus Deiner Sicht.
    Oona

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