Mittwoch, 18. September 2013

Franlis III


Wer sich fortbewegen möchte braucht mit­unter eine Fahrkarte. Die erste Fahrkarte eines Donnerstages in Oostende kaufe ich einer freundlichen Dame am Ticketschalter der Kustram ab; der längsten Strassenbahn­linie der Welt, die obendrein am Meer entlang fährt. Es ist ein warmer Tag, schon morgens um zehn schwitzt es sich ganz prima; sogar im Schatten an der Halte­stelle. Die Bahn meiner Sehnsüchte trifft schließlich ein, sie ist brechend voll und nur eine Station später möchten – so eine Durchsage des Schaffners – doch bitte alle Fahrgäste ge­meinsam umsteigen. „Follow the people“ werde auch ich hinaus kom­plimentiert und natürlich steige ich aus und denke, das sind aber ganz schön viele people.
Zu viele für eine heiße Strassenbahn finde ich, Gelegenheit hin oder her. Also werfe ich meinen Plan und das Ticket kurzerhand über Bord und beginne, zu­nächst ein wenig missgelaunt, einen ziel­losen Spaziergang, der mich schließlich zum Pier hinaus aufs Meer führt.
When you want to move along you occasionally need a ticket. The first ticket I buy on a thursday morning in Oostende is at the counter of the Coast Tram, where a nice lady serves the clients. The coast tram is the longest tram line in the world and most notably it's built along the entire belgian coast. It's a warm day, perfect for sweating already at ten o'clock in the morning, even in the shade of the tram station. Finally the tram of my desire arrives: it's completely packed and just one station further all the passengers – as the conductor announces – are asked to change the train. „Follow the people“ they tell me, and of course I do, thinking to myself, that we talk about quite a lot of people. Too many for a hot tramride, I think, all opportunities aside. So I decide to drop my plans and waste my ticket and I wend on an aimless stroll – first in a slightly bad mood – which finally guides  me to the pier at the seaside. 



Die zweite Fahrkarte des Tages kaufe ich bei Aaron, der soeben seinen Dienst am Pier beginnt. Auf dem Hinweg ein un­schein­barer Bretterbau, ziert auf meinem Rückweg ein riesenhafter Captain Hook die Ticketbude, die der Franlis III als Start­punkt dient. Bis zur Abfahrt ist noch reich­lich Zeit, aber trotzdem beschließe ich mich festzulegen und folge Aaron in das weiße Häuschen. Drinnen auf dem Tisch liegt, ganz Arbeitsbeginn, noch ein Ruck­sack auf einem Skateboard und ein hastig hingeworfenes Shirt.
„Deine Sachen?“ frage ich, und weil Aaron natürlich nickt frage ich ihn, wie er seine Arbeitskleidung findet. „Naja, is' schon ok,“ antwortet er großzügig, „wenn ich nicht müsste, würd' ich's wohl eher nicht anziehen.“
Weiter gehts, bitte hier entlang ...
My second ticket of this thursday I buy from Aaron, who is just starting his work at the pier. On my way to the pier I see just a mousey shack, on my way back Aaron shifts a huge Captain Hook figure out of the ticket shop to catch attention, because Franlis III starts it's excursions here. It's still  some time until departure, but I decide to tie myself and I follow Aaron inside the ticket shop. Inside I see a skateboard with a bag on top, covered with a carelessly dropped shirt.
„Your stuff?“ I ask, and of course Aaron nods and my next question is, whether he likes his work dress: „Oh, well, it's ok“ he replies generously, „probably I wouldn't wear it, if they wouldn't ask me to.“


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Weil die Franlis III noch nicht am Steg liegt, frage ich Aaron sicherheitshalber, ob man an Bord auch an Deck kann – nicht dass das so eine Wasserstraßenbahn ist. Man kann, sagt Aaron und ich frage, ob er glaubt, dass ich auch mal auf die Brücke darf. „Ach, das geht sicher.“ antwortet Aaron und innerlich verwandele ich mich in Sekundenschnelle in ein achtjähriges Mäd­chen, dass es kaum noch abwarten kann. Äußerlich täusche ich weiterhin mein tat­sächliches Alter vor und gehe mit meinem Ticket möglichst ge­langweilt davon.
For the reason that Franlis III hasn't arrived yet I ask Aaron if it's possible to go outside on board – just to make sure that it won't be another kind of watertram. Sure, he replies, and I ask, if he considers it possible that I could enter the bridge, also. „Ah, well, I guess so,“ he answers and inside I immediatley change into an eight year old girl, which is dying for this to happen.
Outwardly I still simulate my real age, and I try to walk away with my ticket in a seemingly bored manner. 




Der Tag ist mir gnädig und die Uhr zeigt tatsächlich irgendwann auf Zwei: ich darf an Bord. Zuerst verhalte ich mich ganz normal und begebe mich ans Heck. Kaum dort angekommen finde ich, dass ich nun genügend Anstand bewiesen und Zeit habe verstreichen lassen und eile mit schnellen Schritten endlich zum Käpt'n. 
The day shows mercy and finally the big hand reaches the two: boarding time. For a start I behave quite normal and I adjourn to the stern. Scarcely arrived when I think that I've abundantly excercised patience for now and I approach the bridge and the captain promptly. 



Der Käpt'n wirkt so brummig wie es sich für einen Seebären geziemt, und vorsichts­halber gehe ich auf Nummer Sicher und verleihe meiner Bitte um Einlass mit anein­andergelegten Handflächen Nachdruck.
Noch befinde ich mich ja vier Holzstufen unterhalb des Ziels. Dem Käpt'n, der Pieter heisst, ist es ganz offenbar nicht ange­nehm, auf mich herabzublicken: „Kannst hochkom­men, aber du  musst nicht 'so' machen.“ sagt er und ahmt mich nach.

Als Kind, erkläre ich Pieter, durfte ich in einem Urlaub mit meiner glückhaft-tollen Oma auch auf die Brücke eines Schiffes: es war die MS Laboe und der Käpt'n hieß Rückwart. In meiner Erinnerung sind wir täglich mit dem Schiff gefahren. Ich durfte sogar ans Steuer und die Erinnerung an die Zeit auf der Brücke gehört zu den glück­lichsten meiner Kindheit.
„Warum bist du hier?“ fragt Pieter und guckt mich über den Rand seiner Brille an: „Zum fotografieren oder zum steuern?“ „Oh ... zum steuern natürlich“ antworte ich. “Aber ich hatte gehofft, das fällt nicht gleich auf.“
The captain seems as grumpy as befits a shellback. Better safe than sorry, I think to myself, and I lend weight on my knock for admittance by gesturing suppliantly with my hands. Still I'm four wooden steps away from my stated aim. The captain, whose name is Pieter, obviously doesn't like to look down on me: „You can come in, but you don't have to do 'this'“ he says, imitating my gesture.

When I was a child, I tell Pieter,  during a vacation with my wonderful grandmother, I was invited to visit the bridge of a ship. It was called MS Laboe and the captains name was Rückwart. Within my memories we've been on a tour with this ship almost everyday. I was even allowed to sit behind the steeringwheel and these moments belong to my most fortunate childhood memories.
„Why are you here?“ Pieter asks me, looking at me: „To take photos or to steer?“  „Oh ... to steer, of course,“I reply. „But I was hopeful, you wouldn't notice it that soon.“



Und dann ist alles toll. Ich darf bleiben: „Fühl dich wie zuhause,“ sagt Pieter.
Mal sprechen wir, mal nicht, alles ganz entspannt.
And finally everything is great: Pieter invites me to stay: „Make yourself at home.“ he says. Sometimes we talk, sometimes we don't, absolutely easygoing.



Wie ein Kind auf dem Spielplatz, dass dort probehalber die Welt ohne die Mutter erobert, traue ich mich schließlich sogar von der Brücke weg; in der angstvollen Hoffnung, dass mein Platz nicht vergeben ist bei meiner Rückkehr.
Like a child on the playground, discovering the world on trial without it's mother, after a while I even dare to leave the bridge again; hoping anxiously that my seat will still be available, when I return. 




Frank ist für die Technik an Bord verant­wortlich. Ob ich  mich unter Deck umsehen möchte, fragt er, und natürlich will ich das. 
Frank is responsible for the technics on board. He invites me to go below, and of course I follow him.



Die Franlis ist ursprünglich für den Krieg gebaut worden, erklärt Frank. Hier haben früher Kriegswerkzeug und Kojen für die Besatzung Platz gefunden. „Das Wasser außen geht bis zur dritten Planke. Alles noch original erhalten!“ sagt Frank und lobt begeistert die Holzbauweise des Schiffes.
The Franlis originally was built as a warship, Frank explains. Here the weapons and the berths of the crew were located. „The water outside reaches to the third plank. It's still all original!“ Frank says, praising the timber construction of the ship.










Nach dem Maschinenraum besichtigen wir die Ruderanlage: der Käpt'n steuert vorn, und hinten wird die Kraft über dicke Stahlseile an die Ruderblätter übertragen. 
After the engine room we visit the helm: the captain is steering in the front and through thick steel ropes the movement gets transfered to the rudder blades.







Wieder an Deck sehen wir die Kurve, die das Schiff genommen hat, und ich fotogra­fiere sie so stolz, als wär es meine eigene.
Outside we can see the curve the ship has just negotiated, and proudly I take a photo, as if it was my curve. 



Schließlich ist die Reise zu Ende. Natürlich viel zu schnell. Aber Pieter lädt mich ein auch die nächste Tour mitzumachen und natürlich bleibe ich auf der Franlis bei Pieter und Frank.
Finally the trip comes to it's end. Much too early, of course. But Pieter invites me for the next tour and so I stay on board with Pieter and Frank.










Früher hat Pieter als Skipper auf privaten Segelschiffen gearbeitet: „Bei reichen Leuten.“ So ist er um die Welt gekommen und mit einem kennt er sich aus: mit Wind: „Den Wind muss man lesen und verstehen lernen.“ Pieter zeigt auf ein Segelboot, das gerade den Hafen verlässt: „Da, ein ganz tolles Boot. Aber es hat nie die Segel gesetzt, es fährt immer mit dem Motor.“ sagt Pieter mit einer Mischung aus Verachtung und Bedauern. 
Formerly Pieter has been a skipper on private sailing vessels: „Fo rich people.“ He has travelled the world and one thing he knows quite well: the wind. „You have to be able to understand and to read the wind.“ Pieter points at a sailboat which is leaving the harbour: „There, a wonderful vessel, but it's sails are never set, it's always going by engine.“ Peter says in a mixture of condemnation and regret.






Seit sechs oder sieben Jahren ist Pieter auf der Franlis III; er ist über sechzig, genauer äußert er sich nicht. Weitermachen will er, solange es geht: in Rente gehen ist für Pieter keine Option. 
Since six or seven years Pieter is captain of Franlis III; he has left the 60 behind, but he wouldn't tell it more precise. He plans to apply himself to work as long as possible, retiring is not an option to him.






Schließlich endet auch die zweite Tour mit der Franlis III . Pieter bietet mir an, noch eine weitere Runde mitzufahren. Aber ich gehe von Bord, auch wenn es mir nicht leicht fällt. Es ist mein vorletzter Tag in Oostende und ich wollte doch noch so viel anderes sehen ...
Finally the second tour also comes to it's end. Pieter invites me to stay even longer. But although it's not easy for me I say good bye and leave; there are still so many places I want to visit in Oostende.




Einen Tag später, kurze Zeit bevor mein Zug fährt, sitze ich wieder an der Pro­menade; im gleichen Restaurant wie am ersten Tag. Es regnet. Aus Sentimen­talität und weil der Abschied mir schwer fällt, habe ich mir genau das gleiche Essen noch mal bestellt. Draußen auf dem Meer sehe ich die Franlis III tapfer an der Küste ent­lang schippern. 
One day later, a short while before I have to catch my train, again I take a rest at the promenade, at the same restaurant where I've been on my first day. It pours down. Out of sentimentality and because actually I'd like to stay a bit longer in  Oostende I even order the same food again. Afar outside I can see the Franlis ship bravely straight along the shore.

Kommentare:

  1. Liebe Smilla,

    ich weiß nicht ob du dich erinnerst. Ich schrieb bereist schon ein Mal an dich. Damals war ich in El Salvador im Auslandssemester und dein Blog gab mir in dieser Zeit ein Stück Heimat (gegen das Heimweh). Heute habe ich diesen Artikel gelesen und er hat mich irgendwo in meiner Seele berührt. Vielleicht ist es das Reisen, das Meer oder die Art wie du deine kindliche Begeisterung beschreibst als du auf die Brücke darfst. Eine Begeisterung die ich nachvollziehen kann. Vielleicht berührt es mich auch weil ich in ein paar Wochen erneut zu neuen "Ufern" aufbreche und Köln verlasse. Also wollte ich Danke sagen. Danke für die schönen momente die du mit uns teilst und Danke für deinen Blog, den ich mitnhemen kann ins kleine Saarland und so auch da immer mal wieder ein kleines Stück Heimat aufsuchen kann.

    Liebe Grüße (noch) aus Köln
    Nora

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    1. Liebe Nora, klar erinnere ich mich, auch wenn es schon lange her ist
      Vielen dank für deine netten Worte, die mich sehr freuen. Und alles Gute für das Saarland, habe mal ein halbes Jahr in Saarbrücken gearbeitet, ich mochte das da irgendwie. Beim Bäcker zieht man ne Nummer, alles geregelt :-)
      lieben Gruß Smilla

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    2. Hallo Nora, Saarbrücken ist nett, bin dort aufgewachsen und kann nur bestätigen, dass man sich da wohlfühlen kann - sehr liebe Menschen. Und du bist ganz schnell in Frankreich! Viel Glück!

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  2. Wie gut, dass die ursprünglich für den Krieg gebaute Franlis III auf ihrer Strecke nun schon so lange in friedlicheren Zeiten unterwegs sein und dass ihre Besatzung "Mädchenträume" wahr werden lassen kann! Ahoi, liebe Smilla, und danke für Text und Bilder, die selbst so "bodenständigen" Menschen wie mir fast Reiselust machen!

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  3. herzzerreißend... ganz wirklich... so schön erzählt!

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  4. Danke für diesen "Kurzurlaub" im Alltag! ;-)
    HERZliche Grüße,
    Meike

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  5. Einfach nur schön!
    In Gedanken bin ich mitgefahren ;o))

    LG Astrid

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  6. Liebe Smilla,

    heute nicht nur tolle Bilder, sondern auch noch gigantisch wortstark:

    "... innerlich verwandele ich mich in Sekundenschnelle in ein achtjähriges Mäd­chen, dass es kaum noch abwarten kann. Äußerlich täusche ich weiterhin mein tat­sächliches Alter vor ..."

    und

    "... an Deck sehen wir die Kurve, die das Schiff genommen hat, und ich fotogra­fiere sie so stolz, als wär es meine eigene"

    Ich finde das wirklich preisverdächtig, wie du uns hier einen Kinofilm in den Kopf und ins Herze zauberst.

    Dankeschön!

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    1. :-), ich danke dir. Mo Jour. Hab es geschrieben, wie es war...

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  7. Anna, die Reise wäre auch mit Rolli gegangen... überhaupt ist Oostende sehr barrierefrei insgesamt



    vielen Dank für eure Kommentare!! ich freu mich über jeden einzelnen :-)

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  8. Deine Oostende-Bilder gefallen mir ganz besonders gut, weil sie mich an unseren ersten Familienurlaub letztes Jahr im Sommer erinnern. Es waren zwar nur fünf Tage aber es hat mir dort sehr sehr gut gefallen, so viele Kontraste, so viel Meer, so viel Weite und dennoch eine echte Stadt.

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  9. Danke auch für diesen Text - ich mag es, wie durch deinen Blick das Besondere, das jeder Mensch hat, zum Vorschein kommt. :-)

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  10. Superschön, ich hab' echt alles in Gedanken mitgemacht.

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  11. sooo toll, liebe smilla!
    war selbst letztes jahr in oostende, fand die fahrt mit der kusttram nicht wirklich schön, ist ja ne normaale straßenbahn, eigentlich.
    und oostende selbst ist, naja, schön nun auch nicht, finde ich...bis auf wenie kleine alte häus*chen mittendrin, kurz vor dem verfall...
    aber deine geschichte hier - wunderbar! der käpt*n, die fotos, alles!! danke
    sagt dornroes*chen. liebe grüße!

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    1. danke :-) dann hab ich ja mit der kustram fast noch mal glück gehabt.
      ich verstehe was du meinst mit Oostende, auch wenn es mir ganz anders geht, ich werd noch einen Oostende-Stadtspaziergang posten demnächst :-)

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  12. Ich schreibe mal nur: AHOI !!!

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