Montag, 24. September 2012

Dornen. Und Rosen






"Wer es nicht wagt, den Dorn zu fassen, sollt' jede Sehnsucht nach der Rose welken lassen" lauten zwei Zeilen eines Gedichtes von Anne Brontë.
Twydall ist 22 und dieses Zeilen sind für ihn eine Art Leitmotiv im Leben, dass, um im Bild zu bleiben, schon so manche Dor­nen für ihn bereitgehalten hat, die aller­dings keineswegs, wie man nun annehmen möchte, immer zu Rosen gehört hätten.
Als Twydall noch keine 18 war hat er in einem kleinen Gebüsch inmitten eines Kreisverkehrs gewohnt. Seine Mutter hat er im Glauben gelassen, er wohne bei Freun­den und offenbar war sie mit diese vagen Auskunft zufrieden.
Zuhause hat er es einfach nicht mehr ausgehalten und so hat er die Obdach­losigkeit dem unbehausten Elternhaus vor­gezogen. Frei hat er sich gefühlt und erleichtert darüber, auf sich gestellt zu sein. Dass seine Mutter, die Twydall allein erzogen hat, weder inneren noch äußeren Platz für ihn zur Verfügung hatte, schmerzt ihn manchmal. Trotzdem ist er nicht böse auf sie, er versucht zu verstehen. Sie, ihre Situation, die Zusammenhänge.
"He who dares not grasp the thorn should never crave the rose", these are two lines of Anne Brontës poem "The narrow way".
Twydall is 22 and in a way these lines describe a basic motto of his life, which, to use the same mataphor, has confronted him with quite some thorns, yet, and not all of them have belonged to roses, as  may be imagined.
When Twydall was hardly 18 he has been living under some small bushes in the middle of a roundabout. He told his mother that he would stay at some friends house and obviously she was totally fine with this vague information.
He simply could'nt stand living at home any­more and so he favoured being homeless over living in a place where he didn't feel at home anyway. So he felt free and he was relieved to be on his own. Although his mother couldn't offer him neither inner nor outer space, which makes him sad from time to time, he's not angry with her. He trys to understand; her, her situation, the circumstances.




Allmählich ist Twydall in den Zeiten des Kreisverkehrs in die Drogen abgerutscht. Gras, Pillen, Alkohol, alles mögliche.
Irgendwann hat er begriffen, dass es so nicht weitergeht.
Mit den Drogen hat er inzwischen aufge­hört, das Thema sei für ihn durch, sagt er. Und lächelt eine kleine Relativierung hin­terher.
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When he was living at the roundabout Twydall got lost bit by bit; he was on drugs more and more: alcohol, pills, weed, anything.  At some day he realized that he couldn't go on like that.
Meanwhile he has quit the drugs, he says, he's over it. And then he gives me a little qualifying smile.
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Freitag, 21. September 2012

...tief in die Tasten


Eher selten kommt es vor, dass ich hier über mich selbst berichte. Natürlich trete ich, quasi über Bande, neben den Por­traitierten, immer auch in Erscheinung. Durch die Fotos, die Texte, durch die Auswahl der Personen, die ich auf der Straße anspreche.
In guter, will sagen großer Gesellschaft befinde ich mich vermutlich, wenn ich nun schreibe, dass ich dazu neige, mein Tun, dessen Wert oder vielleicht auch nur den Aufwand, gering zu schätzen.
Nicht nur viel Zeit, wie mir unlängst durch ausgiebigen Mangel an eben jener mehr als deutlich wurde, widme ich diesem Blog.
Auch viel Raum ist nötig; Raum, den ich jenen widme, die ich fotografiere, mit denen ich spreche, deren Geschichte ich versuche so niederzuschreiben, dass die­jenigen sich in meinen - also ihren - Portraits auch wiederfinden und sie sich durch sie gesehen fühlen.
Ich selbst bekomme so natürlich auch Raum und werde ebenfalls gesehen; ein wichtiger Punkt bei all der Bloggerei. 
It doesn't  happen too often,  that I write posts about myself. Of course I appear in each post, indirectly, through my photos, my words, through the people I've spotted.
Probably there are quite some people who know very well what I mean, when I tell you that I tend to minify my work, it's value or maybe even just it's effort.
It's not only a lot of time which this blog requires, it's also a question of space. Space I apply on all those who I portray,  who I take photos of, whose storys I write down, giving my best to do it so well, that people will find themeselves in my - in their - portraits, that they may feel appreciated.
Of course I get space, as well, I get appreciated also; an important point concerning this blogging-thing.


Irgendwann neulich, an irgendeiner Ampel an der ich mit dem Fahrrad stand, ging vor mir jemand über die Straße und so schnell meine Neugierde geweckt wurde, so plötzlich ist ein Gedanke durch mein Hirn geflitzt, der den Ansprech-Reflex jäh hat sterben lassen: "Warum soll ich diesen Menschen jetzt wichtiger nehmen als mich?" So perfekt formuliert mein stets verwirrter Geist natürlich nicht, inhaltlich stimmt der Satz dennoch. Und da ist mir aufgefallen, dass ich ein wenig müde bin.
Dass ich auch ein wenig am suchen bin, dass ich meine Portraits etwas anders gestalten möchte. Allerdings erfordert das noch mehr Zeit, mehr Planung. Ich bin am überlegen.
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One of these days I've been out on my bike,  waiting at the lights, when an interesting person just crossed the street in front of me. As fast as my curiosity was stirred a particular thought suddenly crossed my mind, which immediately killed the "approach-reflex": "Why should I attach more importance to this person than to myself?" Of course my constantly confused brain isn't able to phrase like this, but contentually this is what I thought.
In this moment I realized that I'm a bit tired. That I'm in search of something, in a way, trying to find a new level for my portraits. This will require even more time, a better shedule. I'm still considering.
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Dienstag, 18. September 2012

...de Trebb erop





Karl ist 76 Jahre alt und genauso lange lebt er schon in Ehrenfeld. "Aber natürlich nicht im gleichen Haus" sagt er. Was sich hier so hochdeutsch liest ist einer von wenigen Sätzen die Karl nicht für meine - und das möchte ich betonen - durchaus dialekt­affinen Ohren wiederholen muss. "Tiefes Kölsch, also der unverfälschte Dialekt, wird heute nur noch von wenigen, zumeist älteren Kölnern gesprochen, die ihren Wort­schatz noch ohne moderne Kom­munikationsmedien in der Kindheit bilden konnten." weiß Wikipedia und ohne Zweifel gehört Karl zu den erwähnten.
Das mit den modernen Kommunikations­medien trifft teilweise auch heute noch auf ihn zu. "Internet? Hab ich keins zu­hause." Fernsehen guckt er selten: "...mal nen guten Krimi. Aber ich kann nicht den ganzen Tag so rumsitzen."
Was er früher gearbeitet hat, frage ich Karl: "Briketts." 25 Jahre lang war er als Brikettfahrer festangestellt. "Bloß im Sommer hab ich mich 3 Monate lang abgemeldet. Das merk ich heute bei der Rente. Aber jetzt ist es zu spät." Später hat er dann Entrümpelungen gemacht, seit 10 Jahren ist er in Rente.
Karl hat 5 Kinder von 2 Frauen. Seit 4 Jahren ist er frisch verlobt. "Warum denn nicht?" sagt er, als ich mich noch erstaunt über seine Verlobung freue. Mein Kom­mentar, dass er ja sehr jugendlich daher­kommt, freut wiederum ihn: "Ja, wie 18, ich weiß. Ich spring auch heute noch die Treppen rauf."
Noch ein Satz, den Karl nicht wiederholen muss: "I' spring och hück no de Trebb erop."
(oder so ähnlich...)
"Wichtisch im Lääve sin schöne Frauen", sagt Karl, wirft mir ein Luft Bützje zu und geht.
Karl is 76 and he has lived in the Ehrenfeld district of Cologne for his whole life: "Not always in the same house, of course." I dare to say that I'm quite used to the cologne dialect, which is called Kölsch, but during our little talk I have to ask Karl for several times to slowly repeat what he's said. Only a very few, mostly the older ones of Cologne, are still speaking "deep kölsch". "Those who have acquired their vocabulary without being influenced by any modern mediums of communication", like the german wikipedia site lets us know.
Concerning the communication tools this is still true for Karl: "Internet? I don't have something like that at home." He rarely watches TV: "...a good crime thriller from time to time. But I can't just sit around all day."
I ask Karl what he has been working in his earlier life: "Briquettes." For 25 years he was permanently employed as a briquett deliverer. "Only during summertime I was unemployed for 3 months. That has consequences for my pension, as I know now. But it's too late now." Later he was clearing-out appartements and houses. Since 10 years he's retired.
Karl has 5 children with two wifes. Since 4 years he's newly engaged. "Why not?" he asks while I'm still amazed, and happy at the same time, about his engagement.
I tell Karl that he appears quite youthful, which makes him smile: "Yes, I still dash up the stairs."
On my question what he considers important in life he says: "Beautiful women." He blows a "special cologne kiss" in the air, takes his bike and leaves.