Sonntag, 11. März 2012

Angst und Mut


Asmaa Mahfouz ist eine außergewöhnlich mu­tige Frau: am 18. Januar 2011 hat sie auf ihrer Facebookseite ein Video ge­postet, mit dem sie entscheidend dazu beigtragen hat, dass sich 15.000 Menschen auf dem Tahrir-Platz in Ägypten ver­sammelt und gegen das Mubarak Regime demonstriert haben.
In diesem Video rief sie die Ägypter dazu auf für Demokratie und Freiheit zu kämpfen und sich gemeinsam gegen das repressive Regime zu wenden: "Wir werden am 25.Januar um 14 Uhr zum Tahrir-Platz gehen. (...) Wir werden dahin gehen und unsere Rechte fordern, unsere unveräußer­lichen Menschenrechte..."
Anlässlich der ITB Berlin, deren dies­jähriges Partnerland Ägypten ist, wurde Asmaa Mahfouz zur Podiumsdiskussion Zwischenrufe eingeladen, mit dem Titel: „Die nächste Generation! Die neue Ära in der arabischen Welt hat gerade erst be­gonnen.“
Im Anschluss an die Diskussionsrunde hatte ich die Gelegenheit ein kurzes Interview mit Asmaa Mahfouz zu führen, das weiter unten zu finden ist.
Freundlicherweise hat der Politologe und Autor Hamed Abdel-Samad, ebenfalls Sprecher der Diskussionsrunde, sich spon­tan be­reit erklärt dieses Interview zu dol­met­schen.
Weiter geht’s, bitte hier entlang...
Asmaa Mahfouz is an exceptionally courageous woman: on January 18th, 2011 she has posted a video on her Facebook page, with which she has contributed essentially to the fact that about 15.000 people have gathered on the Tahrir Square in Egypt and demonstrated against the Mubarak regime.
In this video she called on the Egyptians to fight for democracy and freedom and to turn united against the repressive regime: "We want to go down to Tahrir Square on Jan 25th, by 2 o'clock am. We'll go down and demand our rights, our fundamental human rights ..."
On the occasion of the ITB Berlin, of which Egypt is this years partner land, Asmaa Mafouz was invited to the panel: „Interjections“ with the headline: “The next generation! The new era in the Arab world has only just begun”
Subsequent to the discussion I had the opportunity to do a short interview with Asmaa Mahfouz, which can be found below.
Kindly and spontaneously, the political scientist and author Hamed Abdel-Samad, who also spoke on the panel, agreed to interpret the interview.
Come along this way please...




Weitere Teilnehmer der Runde, die von der Journalistin Helga Kirchner sehr besonn­en moderiert wurde, waren der ehemalige ARD Korres­pondent im Amman,  Björn Blaschke (li), der Direktor des Deutschen Orient Instituts Dr. Gunter Mulack (re) und, wie bereits erwähnt, Hamed Abdel-Samad.

Abdel-Samad hat seine Erinnerung an den Video-Aufruf, der ihn damals veranlasst hat nach Kairo zu reisen, auf dem Panel geschildert: "Wenn eines in Ägypten damals noch funktioniert hat, dann die Polizei­gewalt.“ Dass eine im Internet ange­kündigte Revolution gelingen könnte, hat er damals deutlich angezweifelt: "Ich dachte wir treffen uns alle auf dem Platz, dann kommt die Polizei und verprügelt uns, dann gehen wir wieder nach Hause und fühlen und wie Helden“ so die lakonische Schilderung seiner Erwartungen.

Ich will nun nicht das gesamte Panel wie­dergeben, obgleich jeder Satz der Nieder­schrift würdig wäre.

Ein Redebeitrag von Asmaa Mahfouz darf hier dennoch nicht fehlen.: „Es waren nicht die Armen und Unterdrückten, die sich damals versammelt haben. Es war die Mittelschicht, die gegen Mubarak aufge­standen ist. Menschen die viel zu verlieren hatten. Was diese Menschen verbindet, was alle Menschen verbindet auf der ganzen Welt ist Freiheit und Würde. Und dafür kämpfen die Menschen, nicht nur in den arabischen Ländern, sondern überall auf der Welt.“
Other participants of the round, which was moderated in a very considerated way by journalist Helga Kirchner, were the ARD Korrospondent Bjorn Blaschke (left), the director of Orient-Institute Dr. Gunter Mulack (right) and, as already mentioned, Hamed Abdel-Samad.

Abdel-Samad has described his memory of the video call that then caused him to travel to Cairo, at the panel: “If anything in Egypt at that time still worked, then the police force.“ That one could succeed with a revolution anounced on the Internet, he clearly doubted then: “I thought we all meet in the square, then the police come and beat us, then we go back home and feel like heroes.“ is the laconic account of his expectations.

I am not going to quote the entire panel now, even though each set of writing would be worth writing.

Yet one statement by Asmaa Mahfouz may not be missing here: "It was not the poor and oppressed who have gathered. It was the middle class, which has stood against Mubarak. People who had a lot to lose. What connects these people, what unites all people around the world, is freedom and dignity. And that is what people fight for, not only in Arab countries, but throughout the world. "

Das spontane Interview gebe ich hier als Gedächtnisprotokoll wieder, wohlwissend , dass ich einige Formulierungen nicht wortwörtlich und genau so wiedergeben kann, wie Herr Abdel-Samad sie übersetzt hat:


Frau Mahfouz, zuerst möchte ich Ihnen meinen tiefen Respekt aussprechen für den Mut den Sie haben, und auch für das was Sie tun.
Das ist auch meine erste Frage an Sie: Woher nehmen Sie den Mut, wo in sich selbst finden Sie diesen Mut?


Danke sehr! Ich denke ich bin gar nicht so mutig; es gibt viele Menschen in Ägypten, die viel mutiger sind als ich. Menschen die bedroht werden, die sogar getötet werden. Und dann denke ich, dass es wichtig ist etwas zu tun und für seine Rechte zu kämpfen.


Auch Sie werden bedroht und verfolgt: wie ist es für Sie Feinde und Gegner zu haben, die so mächtig sind?

Das ist sehr schlimm für mich und es ist oft frustrierend, es bringt mich oft in den Zu­stand von Depression.
Aber dann gehe ich wieder auf die Strasse und sehe all die Menschen, und dann weiß ich wieder warum wir das tun, und dass ich nicht aufhören darf.


Können Sie etwas sagen über Mut und Angst?


Mut ist für mich nicht das Gegenteil von Angst. Mut bedeutet für mich eher, sich seiner Angst bewusst zu sein und sie trotzdem zu überwinden. Ich habe sehr viel Angst. Manchmal, wenn ich auf dem Tahrir-Platz war, dann habe ich gedacht, dass ich lieber bei meinem Vater wäre. Aber dann sind da soviele andere Menschen und ich sehe, es gibt was zu tun, und ich muss mutig sein.


Beim Panel haben Sie gesagt, dass Unter­stützung von anderen Ländern, von Eu­ropa und Deutschland wichtig ist. Dass es wichtig ist, dass über die Entwicklung in Ägypten geschrieben wird. Finden Sie es wichtig, dass Menschen weiterhin in ihr Land reisen?


Ja, auf jeden Fall. Damit wir nicht alleine sind.

Können Sie etwas darüber sagen, wie es ist in einem muslimischen Land als Frau eine Revolution zu starten:

In den vergangenen Monaten habe ich ge­lernt, sehr stolz darauf zu sein, eine Frau zu sein. Frauen können im Hintergrund agieren und sie können genauso gut an vorderster Front der Revolution mit­kämpfen. Ich habe das Gefühl, es gibt eine moderne arabische Frau, ich stehe für diese neue arabische Frau.

Frau Mahfouz, es ist sehr beeindruckend Ihnen zuzuhören. Ich bin sehr froh, dass ich dieses Interview führen durfte.

Vielen Dank, aber ich muss mich bedanken.


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Abgesehen von der politischen Rolle die Europa in diesem Gefüge spielt wurde in der Runde auch die Frage ob man nun nach Ägypten reisen darf, kann oder sogar sollte ausführlich diskutiert. Natürlich spielt hier auch der wirtschaftliche Aspekt eine große Rolle.

Abdel-Samad hat allerdings einen klaren Standpunkt zu einem weiteren wesent­lichen Aspekt geäußert: „Wenn man einen Menschenrechtler fragt, der kämpft und der leidet, der wird immer sagen: Kommen Sie, lassen sie uns nicht allein.“

The spontaneous interview I am repro­ducing here from my memory, knowing that some of the wording is not literally and exactly as Mr. Abdel-Samad has translated it.



Mrs. Mahfouz, first I want to express my deep respect for the courage you have, and also for what you are doing. This is my first question: Where and how do you find this courage in yourself?


Thank you! I think I'm not that brave, there are many people in Egypt who are much braver than I am. People are threatened, even killed. And then I think it is just important to do something and fight.


You are also being threatened and persecuted, how is it for you to have enemies and opponents who are so powerful?

This is very bad for me and it is often frustrating, it often brings me into a state of depression. But then I go back on the road and see all the people, and then I know again why we do this, and that I must not stop.
 
Can you say something about courage and fear?


Courage to me is not the opposite of fear. Courage rather means to me to be aware of his fear and overcome it anyway. I'm very much afraid. Sometimes, when I was on the Tahrir Square, I thought that I'd rather be with my father. But then there are so many other people and I see there is something to do, and I have to be brave.


At the panel you have said that support from other countries, from Germany and Europa, is important. That it is important that people write about the development in Egypt. Do you find it important that people continue to travel to your country?


Yes, definitely. So we are not alone.


Can you say something about how it is to start a revolution as a woman in a muslim country?

During the past months I have learned to be very proud of being a woman. Women can operate in the background and they can join in the fight just as well at the forefront of the revolution. I have a feeling that there is a modern Arab woman, I stand for this new Arab woman


Mrs. Mahfouz, it is very impressive to listen to you. I am very happy that I could do this interview.

Thank you very much, but I have to thank you.








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Apart from the political role of Europe in this structure, also the question whether one may, can or should now travel to Egypt, was discussed in detail at the panel. Of course, the economic aspect plays a major role.


Abdel-Samad, however, expressed a clear position to a further significant aspect: "If you ask a human rights activist who fights and suffers, he will always say: Come on, don't leave us alone".

Kommentare:

  1. Hammer!
    Danke dafür!

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  2. Meine Güte, was haben wir hier für Luxus"probleme"! Denke ich immer wieder und besonders jetzt gerade, nach dem Lesen dieses Posts.

    Auch mich beeindruckt Frau Mahfouz zutiefst, auch wenn ich sie lesend nur indirekt kennenlernen konnte! Am meisten beschäftigt mich gerade, was sie über Angst und Mut gesagt hat. Es ist so wahr, denke ich!

    Danke an Euch alle Drei: an Dich, Smilla, für das Dokumentieren dieser Begegnung, an Asmaa Mahfouz für ihren Mut und ihre Offenheit Dir gegenüber und Hamed Abdel-Samad für das spontane Dolmetschen!

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  3. Was für eine mutige, souveräne "Kopftuch-Trägerin"!! - Mein großer Respekt vor dieser Frau!
    Und was für ein interessanter Blog, der so viel mehr bietet als nur den Fokus auf "Klamotten" - und hoffentlich auch viele Fashion-Victims auf neue Fährten führt...!
    Herzliche Grüße aus München von Heike W.

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  4. Sie scheint vor allem sehr klar zu sein!Klar, mutig und direkt. das gefällt mir. Wie könnten wir sie unterstützen,gibt's da Möglichkeiten?

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  5. Ich finde es sehr schwer, etwas zu dem Thema zu schreiben.

    Klar verfolge ich, was in Ägypten passiert, es ist aber doch irgendwie ungreifbar. Wie so viele Themen ausserhalb Deutschlands...da ist es gut, wenn du wenigstens einen direkten Kontakt herstellst, und diese wirklich mutige mutige Frau vorstellst.
    ...doch glaube ich, dass du damit viele Leser, die hier wegen der meistens doch "lieblichen" Geschichten vorbeischauen, ganz schön verstörst...

    Trotzdem, ich finds gut! Danke!

    Trom-Petra

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    1. danke für deinen Kommentar! hm, aber sag mal, liebliche Geschichten, das gibt mir nun doch zu denken...
      und verstören? warum?

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  6. Mona Lisa, gute Frage... was wirklich immer wieder betont wurde in der Runde ist, dass Öffentlichkeit wichtig ist.
    Asmaa Mahfouz hat gesagt, dass gerade in europäischen Ländern und so auch Deutschland die Presse frei schreiben darf. Sie hat dazu augefordert von dieser Freiheit Gebrauch zu machen und dem Militärrat in Ägypten mit unbequemen Frage das noch immer korrupte Tun zu erschweren.
    Das ist nun nichts, was ich oder du konkret tun kannst, das ist mir schon klar.

    Ich habe übrigens bei dieser Podiumsdiskussion auch Mut gebraucht sie anzusprechen: inmitten all dieser politisch versierten Mitsprecher des Podiums, und auch einem sehr seriösen Publikum, ist es mir nicht leicht gefallen zu ihr zu gehen. Als das Panel zu Ende war gab es noch eine kleine Publikumsfragerunde.
    Ich dachte mir, wenn diese Frau es schafft eine Revolution in Ägypten per Video anzufachen, dann werde ich ja wohl den Mumm aufbringen da eine Frage zu stellen, Herzklopfen hin oder her. Leider bin ich nicht dran gekommen, und so bin ich dann eben zum Podium marschiert hinterher.
    Und das war mir auch aus dem Grund wichtig, dass ich ihr gerne meinen Respekt zollen wollte.

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  7. Das war sicher für euch beide wichtig, gut, dass du sie angesprochen und hier darüber geschrieben hast. Jeder wo, wie er kann und die Möglichkeit hat!

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  8. Asmaa Mahfouz is eloquent! And brave!

    Thank you, dear Smilla.

    Be well.

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