Sonntag, 18. Dezember 2011

Radrennen





Zuerst überholt Lu mich mit dem Fahrrad und anschließend ich sie; ich bin neugierig, die Frau mit dem bunten Schal und der bestickten Weste von vorne zu sehen. Dass ich sie fotografieren darf freut mich, und nachdem wir ein Weilchen geredet haben ziehe ich beschwingt und gut gelaunt von dannen. Manche Menschen haben dieses Talent, eine aufgehellte Stimmung zu be­wirken, und für mich gehört Lu unbedingt dazu.
Lu ist in Köln geboren. Sie hat in Heidel­berg studiert und dann ein halbes Jahr in England verbracht. Nun ist sie frisch zu­rückgekehrt, und tritt demnächst ihre neue Stelle an. Lu ist Musiktherapeutin und arbei­tet hauptsächlich mit Wachkoma­patien­ten. Sie erklärt mir worauf es bei der Arbeit ankommt, worum es geht und was sie macht. Ich muss gestehen, ich fühl mich hier und heute nicht in der Lage, das kompetent und ohne Gestammel wieder­zugeben. Was ich aber sagen kann ist, dass ich wiederum an Lus Kompetenz keinerlei Zweifel habe. Sie erzählt lebendig und konzentriert und es ist mehr als deutlich, mit wieviel Leidenschaft sie bei der Sache ist.
"Bewusst zu leben, zu wissen was man tut" ist ihre Antwort, als ich frage, worauf es ihr im Leben ankommt.
First Lu is overtaking me with her bike, then I overtake her; I'm curious to look into the face of the woman with the colorful scarf and the embroidered vest. I'm happy that she agrees when I ask her for a photo and after a while of talking together I go away cheerful and delighted. Some people have this talent to create a cheeful atmosphere, and to me Lu definitely is one of those people.
Lu was born in Cologne, she studied in Heidelberg and stayed in England for six months. Now she just came back to Cologne, starting her new job in a short while. Lu is musictherapist and she mainly works with patients in a vigiliant coma. She explains the matter of this work, what this means and what she's doing. I have to admit that today I don't feel competent enough to repeat it without starting to stammer. But about Lu's competence I don't have any doubts at all; she's thoroughly concentrated and speaks in such a vibrant way, that her passion for her work is very obvious.
"Being conscious in life, being aware." she replys, when I ask her what she considers important in life.

Kommentare:

  1. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, es gibt wohl kaum einen Ort, der einen mehr daran erinnert "bewusst zu leben" als gerade eine Wachkomastation oder das Arbeiten mit Wachkoma-Patienten. Denn mit solchen Schicksalen konfrontiert wird einem deutlich vor Augen geführt, wie sich ein Leben binnen Bruchteilen von Sekunden komplett verändern kann (nicht nur für den/die unmittelbar Betroffene/n) sondern auch für deren nächste Angehörige. Die Dankbarkeit, die man - mit diesen Beispielen vor Augen - empfindet, für jeden Tag, der einem geschenkt ist, um ihn bewusst und gezielt zu nutzen ist wichtig und vor allem keine verkopfte Dankbarkeit, sondern eine existentielle Dankbarkeit.

    Mir gefällt Lus bunter Schal besonders gut. Ein echter Hingucker, kein Wunder, dass sie Dich damit quasi auch "eingefangen" hat. :)

    Dir einen wunderbaren 4. Advent, liebe Smilla!

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  2. Danke Liisa, für deinen wohlformulierten Kommentar. Das hat Lu übrigens auch gesagt; dass sich die eigene Einstellung un Haltung zum Leben verändert. Ihr Verhältnis zur Zeit beispielsweise hätte sich verändert, hat Lu gesagt.

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  3. Was mir deine winzigen Einblicke in das Leben "fremder" Menschen immer wieder vor Augen führt: Was gibt es für unglaublich vielfältige, farbige und wichtige Menschen direkt um uns herum!
    Dafür möchte ich mich heute einmal ganz herzlich bedanken.
    *
    Als Musiktherapeutin mit Menschen im Wachkoma zu arbeiten, dass stelle ich mir so sinnvoll und tief vor.
    Wenn man sich überlegt, wiewiele Menschen allein hier in Deutschland in einem Wachkoma liegen/ leben. Und um jeden Menschen zieht sich ein Kreis von Menschen, die um diesen geliebten Menschen herum leben. Weiterleben.
    Menschen, die dafür arbeiten und da sind, das es ihnen gut geht.

    Und wie schnell das passieren kann. Ich mag Reinhard Mey sehr und höre seit 30 Jahren seine Musik. Habe seinen Sohn Max groß werden "hören" und dieser junge Mann hat unabsichtlich die falschen Medikamente genommen und fiel um. Er liegt im Wachkoma.
    Das kommt mir oft in den Sinn.

    Es gibt ein achtsames TUN und SEIN, das tiefbeglückend ist. Auch und gerade in diesen Lebensmomenten und Situationen.

    Es hat mich glücklich gemacht, ganz achtsam das Baby meiner Freundin zu beobachten und sie versuchen zu beruhigen. Obwohl niemand wußte, was sie überhaupt fühlt, sieht oder so.
    Die Zeit, wo ich an ihrer Hängematte stand (nur darin war sie etwas entspannt) waren alle meine Sinne geschärft. Jede Bewegung liebevoll und achtsam ausgeführt.
    Das Herz erfüllt von Liebe. Die Beziehung zu meiner Freundin (die ich seit über 30 Jahre kenne) hat sich vertieft.

    Und jedes Mal von dem Baby wegzufahren und zu wissen, gerade jetzt und hier kann das ein Abschied für immer sein. Das war kaum zu ertragen. Bewußt. Sein.

    Mit 8 Monaten ist die Lütte gegangen.

    *
    Ja, der bunte Schal von Lu leuchtet wie ein Magnet. Und ich vermute, dass es viele Menschen gibt, denen sich Licht, Ruhe und Zuversicht bringt. Anziehend.
    Sowie den Wachkoma-Menschen ganz sicher eine wunderbare Klangwelt.

    Oona

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  4. Ich kann mich dem, was Du, Liisa sagst, nur anschließen, zum Teil aus eigenem Hintergrund (auch wenn ich nicht im Wachkoma lag) und weil mir das mit der Veränderung des Lebens binnen Sekundenbruchteilen besonders bewusst geworden ist, während ich vor gut zwei Jahren in der Reha war, wo auf meiner Station ein junger Mann war, der nach einem Fahrradunfall im Wachkoma lag. Ich glaube, dass ist mir noch so präsent, weil ich während der Reha Geburtstag hatte und dann erfuhr, dass der junge Mann am gleichen Tag Geburtstag hat.

    Hat Lu verraten, wie alt sie ist? Ich glaube, es ist gut, wenn auch schon recht junge Leute diese wichtige Arbeit engagiert tun!

    Lus Schal gefällt mir auch gut!

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  5. Sorry, schon wieder ich...

    Oona, oh, ich liebe Reinhard Mey auch, hatte aber eine Bildungslücke: Das mit Max wusste ich nicht...

    Ich liebe besonders das Lied "Golf November" - auch wenn ich nicht im Eis eingebrochen bin, erinnert es mich ein wenig an mich selbst... und fast immer muss ich weinen... Früher habe ich die (Live-)CD, auf der ich dieses Lied habe, oft mit meiner Mutter gehört; interessanterweise ging es ihr mit diesem Lied schon damals so wie mir erst im Laufe der Jahre zunehmend...

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  6. Oona, ganz herzlichen dank für dein Danke. genau das, was du beschreibst, hab ich auch gedacht, als Lu von ihrer Arbeit erzählt hat.

    Und auch was du vom baby deiner freundin schreibst; Lu hat erzählt, dass man die Reaktionen von Wachkomapatienten schwer einschätzen kann. das ist genau das, was ich so interessant fand, und aber nicht in die entsprechenden Worte gepackt bekommen habe:
    wenn also ein Patient lächelt, zuckt, was auch immer, sich bewegt... dann kann man erst mal nicht mit gewissheitsagen, dass es eine unmittelbare reaktion auf, in ihrem falle, die Musiktherapie ist.
    Das findet man erst langsam und mit der zeit heraus, wenn ich es richtig verstanden habe.

    Zu den Klangwelten hab ich sie auch gefragt; was sie da für Musik nimmt. Alles ist da möglich, und sie erkundigt sich auch, was der Patient früher gerne mochte, und probiert dann verschiedenes aus.

    Sie arbeitet auch mit Physiotherapeuten zusammen, wenn dann noch Bewegung ins Spiel kommt..

    Nun hab ich doch noch ein bisschen was hier wiedergeben können.

    Anna, nein, keine Ahnung wie alt sie ist.
    Hab das Lied Golf November gerade mal gehört,
    "keine besonderen Vorkomnisse" ist natürlich ein sehr hartes Ende.

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  7. Smilla, "...Besondere Vorkommnisse: Keine"; hart, ja, irgendwie schon, aber ich finde, dass man im Kontext des ganzen Liedes, zwischen den Zeilen sozusagen, doch sehr merkt, dass das Ende eben NICHT in einem abgestumpften Sinne gemeint ist; versteh' ich jedenfalls so. Mir gefällt's jedenfalls!

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  8. Anna, achso, ja so kann man es natürlich auch verstehen, nun fällt der groschen. Ist ja so gesehen widerum eher realistisch.

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  9. Smilla, genau, realistisch, so sehe ich's auch; schön, dass ich dem Groschen fallen helfen konnte ;-)!

    Liebe Grüße - wenn ich mich jetzt vom Blog loseisen kann, mach ich's jetzt bunt! Wolle macht glücklich! ;-)

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  10. Sie sieht lebendig und kreativ aus, ideal für eine Musiktherapeutin!

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  11. "Bewusst zu leben, zu wissen was man tut"

    oder

    Bewusst ohne Helm, damit man auch weiss wann es weh tut.

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  12. Habe den Bericht gefunden, Smilla.
    Ich hatte die Erinnerung, dass mehr zu ihrem Beruf drin steht.
    Beste Grüße
    Oona

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