Dienstag, 1. November 2011

Leseförderung





Bevor Herr E. mich sieht bzw. die Worte, die ich an ihn richte, hört, vergehen lange Sekunden, in denen seine komplett unge­teilte Aufmerksamkeit seiner Kamera gilt. Oder vielmehr dem, was er dadurch sieht, irgendwo weiter oben, himmelwärts. Ja, ich darf ihn fotografieren, und weil er seine Kamera schon mal in der Hand hat, macht er währenddessen auch ein Foto von mir, weil er es zu komisch findet wie ich dastehe. (Falls er es mir schickt, werde ich es nachträglich anfügen)
Herr E. ist seit 13 Jahren Hausmann und Vater von zwei Söhnen, die 15 und 16 sind. Davor war er Buchhändler, und den Büchern ist er auch treu geblieben: "Ich arbeite morgens in der Bibliothek einer Grundschule." Nun sitzt Herr E. aber nicht spröde hinterm Pult und stempelt Aus­leihdaten in vergilbte Laufkarten: "Wir machen da Leseförderung. Die Schule ist in einem sogenannten sozialen Brennpunkt. Der Rektor der Schule ist sehr engagiert, er hat viele Förderungen und Unterstützungen beantragt, so dass es möglich ist sowas anzubieten." Was gelesen wird ist gar nicht so wichtig; es geht eher darum die Kinder überhaupt zum Lesen zu animieren und einzuladen: "Manche bringen auch 'ne Bravo mit, die lesen wir dann zusammen. Es geht schon lebhaft zu dabei."
Before Mr. E finally realized me standing beside him, trying to approach him, some long seconds dragged by. He gave all his undevided attention to his camera, resp. to what he was seeing trough his lense, somewhere upwards in the sky. Yes, he agreed that I take his photo, and just because he had his own camera in his hand, he took a picture of me, as well, because he thought my pose was so funny  while I was shooting him. (If he sends it to me, I will add it.)
Since 13 years Mr. E is home-husband, and he's father of two boys at the age of 15 and 16. Formerly he used to be a book seller, and today he's still busy in books: "I work at a school-library in the morning" But Mr. E doesn't simply stamp periods of loan on yellowed batch cards: "We encourage the kids to read. The school is located in a so called deprived hot spot, and the dirctor is very involved in all this; he proposes for all kinds of sponsor-ships and fundings, so that this work is possible, at all." It's not that important what the kids are reading, it's all about inviting them to read at all: "Some of them bring a 'Bravo', and then we read it together. It's quite a vibrant thing."



Meine Frage, was ihm im Leben wichtig lässt Herrn E.s Blick nachdenklich in die Weite schweifen: "Ja, das ist so eine Frage, auf die man gerne eine Antwort parat hätte..." sagt er und überlegt weiter: "Ich versuche ein verträglicher Mensch für andere zu sein, eine Resonanz für andere zu haben... Ja, und ich bin froh, in einer Demokratie zu leben. Freiheit, die Verfassung... 'Die Würde des Menschen ist unantastbar'; das müßte man noch viel deutlicher herausstellen. Das sind alles wertvolle Dinge im Leben."
The question what he considers important in life makes Mr. E stare ponderingly into the distance for a long moment: "Well, this is a question one would like to be prepared for..." he says, still reflecting. "I try to be a peaceable person for others, I try to respond to others. Well, and I'm glad to live in a democracy. Freedom, constitution... "The dignity of men is unimpeachable", that should be even more prominent. All these things are precious in life."

Kommentare:

  1. Ich hoffe, dass Du ein Bild von Dir von ihm fotografiert bekommst. Das würde mich interessieren, wie er Dich bei Deiner Arbeit sieht.

    Hausmann. Irgendwie werde ich mit der Bezeichnung nicht warm. Hausfrau fand ich schon immer merkwürdig. Es wird auch nicht besser, wenn man es heute "Vorstandsvorsitzende und Teamplayerin einer gut funktionierenden ...Firma?" nennt. Wenn Frauen, die eine enorme Leistung erbringen und eine Stütze der Gesellschaft sind - weil sie u.a. (bis auf wenige schöne Ausnahmen) - die Kinder versorgen großziehen und dafür keine Kohle und wirkliche Anerkennung bekommen, dann ist was faul im Staate...Deutschland und der Welt.

    Zurück zu Herrn E.
    Die Brille ist wirklich ungewöhnlich und ein Hingucker. Er wirkt irgendwie locker und entspannt.
    Leseförderung - auch mit einer Bravo - ist ganz toll. Lesen macht soviel Freude, erweitert so sehr den eigenen Horizont, macht Bilder und Ideen im Kopf und es vermittelt Wissen. Unmengen von Wisse ist uns nur zugänglich, wenn wir gut und flüssig lesen können. Früh lernen zu verstehen was man da liest und den Kopf zum selbst denken benutzen.

    Das ist gerade wichtig in Demokratien. Wer seine Freiheit nicht nutzt, der wird sie verlieren. Sang schon Reinhard Mey. An den mich Herr E. irgendwie erinnert. Falls er den Reinhard nicht leiden kann, dann möge er es mir verzeihen.

    Lieben Gruß
    Oona

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  2. OOna, Hausmann... kann ich verstehen, seltsam antiquiert wirken ja beide Begriffe.

    Das mit dem Lesen seh ich auch so; wenn man schwierigkeiten hat Texte zu verstehen, zu lesen, zu entziffern, dann ist das eigentlich problematische daran ja, dass diese form des Werkzeugs nicht zugänglich ist. Und das entmutigt, oder schneidet ab; vom Teilnehmen am Leben, von beteiligt sein; im Kleinen und im Großen.
    Gilt aber für alle gesellschaftlichen/politischen Systeme, nicht nur für demokratien, meine ich.
    Mir fallen da immer sofort die Frauen ein, die in Afghanistan gar nicht mehr studieren oder zur Schule durften, als die Taliban die Macht übernommen haben

    (...deinen Nachsatz mit "dem Reinhard" find ich witzig)

    Schade übrigens, dass ich die Stimme des herrn E. nicht nicht mitfotografieren konnte.

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  3. Ich weiß zwar nicht, warum Du komisch ausgesehen haben sollst, Smilla, aber ja, bitte, Herr E., schicken Sie Smilla ein Foto (natürlich nur, weil ich mir ein eigenes Urteil darüber bilden will, ob Smilla "zu komisch" aussah ;-); von persönlicher Neugierde ansonsten keine Spur, neeiin...! ;-)) Interessieren würde mich aber auch, was denn da oben im Himmel so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, dass Herr E. derart konzentriert darauf war??

    Zu Bibliotheken fällt mir ein, dass ich auch eine Schule mit damals eigener Bibliothek besucht habe. Derartige Leseförderung hat es dort zwar nicht gegeben, soweit ich mich erinnere, aber die Bibliothek hatte definitiv Flair!

    Zum Lesen in Schulen fällt mir aber eine Art "Kulturschock" ein, den ich bezeichnenderweise Jahre später in der Berufsschule hatte: Man kann lesen können und dennoch wenig mit der BEDEUTUNG eines Textes anfangen können: Wir sollten einen Text lesen, den ich (die ich zwar sprachlich einigermaßen fähig bin, würde ich meinen, aber in vielen Fächern ansonsten mich wirklich so durchgeschleppt habe) als Text mit alltäglichem "Schwierigkeitsgrad" einordnen würde/eingeordnet habe; wir sollten den Text lesen und das Wichtigste herausschreiben; ich war höchst überrascht, als eine der "EinserkandidatInnen" der Klasse mit einem erschreckenden Ausmaß echt wirkender Verzweiflung in der Stimme mehrmals fragte, wie wir denn wissen sollten, was das Wichtigste sei. Ich frag(t)e mich: War das nun eine tatsächliche Unfähigkeit, zu entscheiden, was wichtig ist, weil der Textzusammenhang sich ihr nicht erschloss, oder traute sie - offensichtlich gewöhnt an stumpfes Auswendiglernen - sich nicht, die Wichtigkeit selbst zu bewerten, oder war es beides? Sowohl das eine als auch das andere geschweige denn beides fände ich ganz schrecklich!

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  4. @Smilla:

    Ja, die Stimme des Herrn E. hätte mich auch interessiert:O)

    Natürlich gilt das für alle gesellschaftlichen/politischen Systeme.

    Was auch sehr schlimm ist - meiner Meinung nach - das hier in Europa (ich kann nur für DEutschland sprechen) wieder zurück in 60 und 70 Jahre fallen. Im ungünstigen Sinn.
    WIeder scheint es für immer mehr Frauen (nicht alle !!! ist klar) darum zu gehen einen reichen, gutaussehenden Mann in gehobener Stellung zu bekommen.
    Dafür wird an sich rumgeschnibbelt, runter gehungert und außer "sexy" Kleidung scheinen (!) sie nichts im Kopf zu haben. Das macht mich sehr traurig.
    Da könnte frau jetzt Romane zu schreiben. Aber ich wollte damit sagen: Irgendwann wird diese Freiheit der Selbstbestimmung der Frauen wieder den Bach runter gehen, wenn die Generationen nach uns keine Bewußtsein dafür haben, das wir bzw. unsere Mütter und Großmütter unsere Freiheiten und Gleichheiten (immer noch nicht ganz erreicht) hart erkämpft haben.

    1976 war die Frau laut deutschem Gesetzt dem Mann untergeordnet und durfte nichts, wenn er nicht seine Erlaubnis gegeben hat.
    1976 !!!


    Morgentliche Grüße
    Oona

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  5. Liebe Smilla,

    er sieht so gut und alt-rockig aus, wie frisch aus den 70-ern in die heutige Zeit hineingeboren. Das gefällt mir sehr. Sein Wunsch, für andere verträglich zu sein, hat mich irgendwie gerührt, zumal er sehr lange nachgedacht hat. Ich glaube, würde ich ihm auf der Straße begegnen, könnte ich mir vorstellen, dass ich ihm sage: "Hallo Sie, Sie habe ich auf Smillas Blog gesehen. Und irgendwie mag ich Sie." Er ist Hausmann. Hast du herausgefunden, ob die Mutter der Kinder noch bei ihm ist? Oder ist er alleinerziehend?

    Auf dein Foto bin ich auch gespannt, falls du das noch bekommst.

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  6. So eine schöne Antwort. Ich mag Menschen, die sich für die Beantwortung solcher Fragen ein wenig Zeit nehmen. Und er spricht mir aus der Seele. :) Schöner schöner Beitrag.

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  7. Sherry, ja, aufs Foto wär ich auch gespannt... er hat es aber locker aus der ahnd herausgemacht, ohne durchzugucken, kann also sein, dass es nix geworden ist..

    Oona,
    mh, ich hab da nen anderen eindruck. sicher gibt es viele oder einige, keine Ahnung, die nach dem Schema vorgehen.
    Aber ich sehe und treffe ganz schön viele junge Frauen, die von der vorangegangenen Entwicklung profitieren, sie nutzen und ausbauen.Mich haut das manchmal richtig um, wie selbstbewusst und stark und ach, mir fehlen gerade die richtigen Worte, wie anders junge Frauen und Mädchen heute sind. Wenn ich da an mich mit 16, 18, 25 denke, oder an meine Generation, da war einiges viel 'behaupteter' als heute. Es wurde quasi ausprobiert, mal getestet, behauptet eben, bevor es sich als Grundlage niederlassen konnte.
    Gerade bei Themen wie der eigenen Lebensgestaltung, Sex, das Selbstverständnis des 'In der Geselldschaft vorkommen', da seh ich das. Sicher kann da noch viel nachkommen, aber Rückentwicklung nehme ich nicht unbedingt wahr, (also zumindest überwiegend).

    Anna, schönes Beispiel, da nützt es dann im Zweifel auch nix lesen zu können. Das eigene Denken...nicht wahr.

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  8. @Smilla: Hm.... vielleicht habe ich zuwenig wirklichen Kontakt zu jungen kreativen selbst bewußten Frauen. Das bewege ich gerade in mir. Gut zu wissen.

    Das was Du mir antwortest ist wunderbar. Und hier im Blog lese ich ja von tollen jungen Frauen (bzw. Frauen in jedem Alter), die beeindruckend sind und ihren Weg gehen.
    Ihn gut und frei gehen können auf den Schultern ihrer Vorgängerinnen. Das ist wirklich schön.

    Wenn ich z.B. in Bremerhaven unterwegs bin, da bietet sich mir (und anderen FreundInnen) oft ein sehr deprimierender Eindruck.
    Allein die vielen sehr jungen Frauen, die mit Kinderwagen durch die Gegend schieben. Die Gespräche, die sie untereinander führen in Bus und Bahn sind oft erschütternd. Das ist nicht meine alleinige Wahrnehmung.

    Aber das sind natürlich alles nur Bruchstücke von einem Ganzen. In meinem zweiten Kommentar schreibe ich extra SCHEINBAR. Denn ich weiß letztlich nichts über diese Frauen, die ich im Kopf hatte, als ich Dir schrieb.

    Grüße Oona
    hier gerade nur "anonym" auswählbar.

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  9. Danke das ich deinen Blog gefunden habe. Deine Berichte sind so natürlich als wenn wir zusammen im Cafe plaudern. Freue mich auf neue Foto´s und Story`s
    L.G.
    Mrs. Jones

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  10. Liebe Blog-Leserinnen und -Leser, entschuldigt bitte, dass ich euch belästige, aber ich bin auf eure Mithilfe angewiesen!!!
    Ich heiße Tatjana und bin Studentin an der Universität des Saarlandes. Im Rahmen meiner Masterarbeit muss ich eine Umfrage durchführen, die sich mit Mode-Blogs beschäftigt. Ich wäre euch allen sehr dankbar, wenn ihr ca. 10 Minuten eurer wertvollen Zeit opfern könntet und einige Fragen beantworten würdet. Die Umfrage ist absolut anonym. Als kleines "Schmankerl" könnt ihr jedoch wenn ihr wollt an einer Verlosung eines 30 €-Amazon.de-Gutscheins teilnehmen.
    Nach alter Pfadfinder-Manier: Jeden Tag eine gute Tat :)
    DANKE schon mal!!!
    Tatjana

    http://survey.2ask.de/f67500f357565a09/survey.html

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  11. Optisch erinnert er mich sehr an Horst Janson als "Bastian" Anfang der Siebziger Jahre.

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  12. Sabine: :-) da ist was dran, stimmt ..

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  13. Immer wieder schaue ich bei dir vorbei, bestaune deine genialen Aufnahmen.
    Und - ich gestehe - dieser Herr hier hat es mir angetan.
    :-)

    Herzliche Adventsgrüße
    Heike

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  14. Sein Foto von Dir ist wohl nichts geworden, fürchte ich!? ;-)

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  15. Anna, tja, ich fürchte auch :-)
    oder er hat es sich anders überlegt, meine karte verloren, was weiss ich??
    schade aber :-)

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