Samstag, 18. Dezember 2010

...aller Ehren wert





Herr W. ist 87 Jahre alt und zum ersten Mal in diesem Winter trägt er heute seine Mütze. Als ich meine Kamera aus der Tasche nehme, holt er seinen Kamm hervor, und bringt sein Haar in Ordnung. Weil Herr W. nicht gut stehen kann suchen wir uns ein kleines Mäuerchen in der U-Bahn Station, und reden ein Weilchen im Sitzen. Es gibt tatsächlich keine Bank für Passanten, nirgends. Herr W. lebt alleine, und er ist sehr froh in seiner eigenen Wohnung zu sein. Vor ein paar Jahren hatte er einen Schlaganfall, seitdem geht alles etwas langsamer; "Einkaufen, Essen machen und so." Deswegen hat er eine Aufwartefrau, wie er sagt. Das bedeutet Haushaltshilfe und sie ist schon seine zweite: "Die erste Frau die immer zu mir kam ist leider gestorben. Sie war un­glaublich, die wusste schon immer was ich brauche, noch bevor ich es selbst wusste." Weil er gelesen hatte, dass Franz-Josef Strauss seiner eigenen Haushälterin das Bundesverdienstkreuz verliehen hat, be­fand Herr W. die seinige sei ebenfalls aller Ehren wert und habe diese Würdigung durchaus auch verdient. "Also habe ich beim Ministerium in Düsseldorf angerufen, und mein Anliegen vorge­tra­gen." sagt er und lacht verschmitzt. Die Dame am Telefon sei auch sehr nett gewesen, erzählt er, sie habe ihm allerlei erklärt, aber letztlich sei aus der Sache  nichts geworden. 
Mr W. is 87 years old and wears his hat for the first time in this winter. When I take my camera out of my bag he grabs a comb out of his pocket and does his hair. For the reason that  Mr W. rather sits or walks than standing we have a seat on a small wall at the metro-station. There is no bench around for people to rest, nowhere! Mr W. lives on his own, and he's happy, that he still can stay in his place. A couple of years ago he has had a apoplexy, since then things are going more slowly: "Like sopping, or fixing meals, and things like that." That's why he engaged a charwoman. In fact she's the second charwoman, who regularily visist him: "The first one unfortunately died. She was wonderful. She always knew what I needed before I did." Once he red that the Prime Minister of Bavaria, Franz Josef Strauss, awarded his charwoman with the Federal Cross of Merit. Mr. W. decided that this would be an appropriate appreciation for his charwoman as well. "So I called the government department and declaimed my request." he says with a shrewd smile. "The lady on the phone was quite nice, and she told me this and that. In the end of course it didn't come off. 
 

 

 


"Ich habe viel von meiner Mutter gelernt. Sie war eine sehr aufrechte Frau, die hat sich nicht verbiegen lassen. Auch nicht zur Hitler-Zeit. Das hat mich sehr beein­druckt." erzählt Herr W.
"I've learned a lot from my mother. She was a very upright woman, she wouldn't bounce back. Not even during the Hitler era. I was deeply impressed by that." Mr W. says.

Kommentare:

  1. Ein liebenswürdiger Mann. Hätte mich interessiert, wohin er unterwegs war mit seinem Aktenköfferchen...

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  2. Der Mann ist bewundernswert! Und deine Bilder und Geschichten berühren mich sehr ...

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  3. Das Portrait ist sehr intensiv geworden und die Farben im ersten Bild sind außerordentlich! Wirklich schön.:)

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  4. Muss einmal schreiben wie schön und herzerwärmend ich diesen Blog finde. Ich bin fasziniert von der überschäumenden Individualität rund um uns.
    Es scheint wirklich entscheidend zu sein wie man auf die Welt blickt, danke dass du all das sicht- und lesbar machst.

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  5. Schade, dass die Haushälterin schon tot ist. Sonst hätte ich jetzt eine Online-Petition gestartet "Das Bundesverdienstkruez für Herrn W.s Haushälterin". Sehr süßer Blogpost, wie ich finde!

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  6. Ach, liebe Smilla, auch dieser Herr ist mal wieder ganz wunderbar! Irgendwie erinnert er mich ein bisschen an meinen heißgeliebten, aber leider schon verstorbenen Opa... Auch heute hast du mir wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert!!!

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  7. jetzt hab ich tränen in den augen.
    so einen opa wollt ich immer haben.

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  8. Ich würde Herrn W. gerne adoptieren. Danke!

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  9. das ist einfach wunderbar ! die welt braucht solche menschen !

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  10. Judith, also als er vom Einkaufen sprach, da hat er so einen schnellen blick auf die Tasche geworfen..

    Fee mail; das sag ich ihm :-)

    Christoph: schöne Idee. Die Dame war übrigens nur 3 Jahre jünger als er

    donauluft, raphaela und piri merci ganz vielmals :-)

    stilwandel; kann ich sehr gut verstehen, ich bin komplett opalos aufgewachsen, und fand das lange total normal. Irgendwannn fand ich das aber auch schade

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  11. Wenn man lange genug in diesem Blog liest, fängt man an, die alltäglichen Mitmenschen umher mit anderen Augen zu sehen! Vielen Dank :O)

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  12. finde es toll wenn man den mut hat menschen zu fotografieren. mein mann hat sich eher auf "leblose" dinge spezialisiert :P
    ich schau hier auf jeden fall noch mal rein!
    glg shadownlight

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  13. es treten menschen aus der masse
    wie du es willst
    auf den ersten blick
    schaut man über sie hinweg
    mit deinen augen
    kommt es wie ein kreativengelsmenschengeschichtenblitz über sie...
    danke dafür!
    gruß von sonja

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  14. den hätte ich auch so gern als opa :/

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  15. somja, ein gedicht...vielen Dank dafür.. :-)

    shadownlight :-) jeder jeck is ander sagt der kölner

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  16. Wunderbarer Blog. Jede Geschichte berührt mich.
    Danke dafür.

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  17. kreativengelsmenschengeschichtenblitz - was für ein schönes wort!!!

    jetzt weiß ich auch endlich mal etwas genauer, smilla, warum ich deinen blog schon so lange so gern lese und angucke - weil ich 'menschen' mag, und dieser blog dieses gefühl perfekt zum ausdruck bringt. danke :).

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  18. Toller Mann!
    Da wäre ich wieder bei einem meiner Lieblingsthemen:
    Schade, dass man im Alltag so wenig mit alten Menschen zu tun hat!
    Ich glaube, das viele ältere Leute sehr, sehr einsam sind und mir würde es zum Beispiel große Freude bereiten, mit Herrn W. Kakao oder so zu schlürfen. ;)

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  19. Was Pyrgus oben sagt, das ist der Smilla-Effekt. :-)

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  20. rebhuhn und nqlb: vielen dank...ihr beide, danke! :-)

    Linda im Glück; es gibt ja so ehernamtliche Nachbarschaftshilfen, oder Krankenhausbesuchsdienste... nur mal so als Idee :-)
    oder auf der Strasse ansprechen :-)

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