Donnerstag, 30. September 2010

Unter Beobachtung





Das ist Clemens aus Melbourne, Australien. Er ist extra für die Photokina den langen Weg nach Köln geflogen; beruflich bedingt natürlich. Aus unterschiedlichen Gründen bin ich leider etwas unkonzentriert bei un- serer Begegnung. Unter anderem, weil ich ein (sehr nettes) Kamerateam im Schlepp- tau habe, dass mich bei der Arbeit filmt.  Einmal mehr wird mir nur allzu deutlich, wie wenig eine tatsächlich authentische Berichterstattung über meine Blogtätigkeit überhaupt  möglich ist, wenn man den Um- stand bedenkt, dass die Beobachtung einer Situation diese bereits verändert. Wer den passenden Fachausdruck dafür kennt, bitte melden. Jedenfalls ist es einfach nicht das Gleiche, ob ich alleine einen fremden Men- schen anspreche, oder wir dabei gefilmt werden. Ich stelle andere Fragen, höre anders zu und mein Gegenüber wird gleich doppelt überrumpelt. Clemens schlägt sich aber souverän; er lobt das kölsche Bier und freut sich auf die nächsten Messetage (die inzwischen ja schon wieder vorbei sind). Seinen Anzug hat er sich übrigens in Taiwan auf den Leib schneidern lassen. Reisen gehört bei ihm zum Berufsbild: "Reisen und Menschen treffen, das ist das Beste daran."
This is Clemens from Melbourne, Australia. He came all the way just to visit the Photokina, for professional reasons, of course. Unfortunately I'm not quite myself when I meet him. That's, among others, be- cause a (very nice) camera-team accompanys me at that day, to film me at work. Once more I realize that an authentical report about my blog-work hardly is possible at all, concerning the circumstance, that watching a situation changes it at the same time. If anyone knows the right term for this, please comment. It's just not the same, if I approach someone on the street all by myself, or being watched by a camera- team. I ask the questions in a different way, I listen in a different way and my collocuter is caught on the hop even twice. But Clemens puts up a good show: he commends the cologne beer and is looking forward to the next days at the trade fair (which already is over now). His suit, by the way, is custom-made for him in Taiwan. Travelling is a term in his job discription: "To meet many people, and to travel a lot, that's the best about my profession."

Kommentare:

  1. In Anlehnung an den heutigen Titel fragte ich mich in Anlehnung an gestern sofort, ob jetzt jemand "zur Beobachtung" ins Krankenhaus kommen würde... Schön, dass es dann doch nicht so schlimm kam...!

    Den gesuchten Fachausdruck habe ich leider auch nicht parat, aber die Überlegung ist wieder einmal wahrlich interessant!

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  2. Durch Googeln habe ich einen passenden englischen Fachbegriff gefunden, leider nicht das deutsche Äquivalent dazu: http://en.wikipedia.org/wiki/Observer-expectancy_effect
    Aus der Physik kenne ich die Heisenbergsche Unschärferelation, die mir in etwa sagt: je näher ich einem Elementarteilchen komme, umso ungenauer kann ich es messen.

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  3. das mit dem 'auf den leib schneidern lassen' ist witzig - beim betrachten des zweiten fotos habe ich nämlich, noch vor dem text, gedacht, daß er sich den anzug nicht geschickt gewählt hat, weil die jacke für seinen langen oberkörper zu kurz wirkt, finde ich ;)...

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  4. Ich kenne diesen Zusammenhang nur aus der Feldforschung - der Forscher verändert das Feld durch seine bloße Anwesenheit. Aber ein Begriff will mir jetzt nicht einfallen...

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  5. Man könnte es vielleicht als inszenierte Authentizität beschreiben. Das machen ja die meisten Formen der realitätsabbildenden Genres: Sie verkaufen uns arrangierte, bewusst gestaltete Situationen als Wirklichkeit. Oft ist das anders auch gar nicht möglich, Deine Arbeit ist ein schönes Beispiel dafür.
    Die Tatsache, dass ein Kamerateam Dich begleitet hat, verdoppelt das ganze sogar.

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  6. fzz, das ist interessant dass du das schriebst, ich dachte nämlich hinterher ähnliches. So gesehen wirke ich ja auch verändernd. Und ja, es sit kaum anders möglich. Wobei beim Fernsehen wirklich viel konstruiert wird; es soll eben doch 'echt' aussehen. Und ich sag ja nicht zu den Menschen die ich fotografiere "Nun tun Sie mal, als wär ich nicht da"

    Danke Andreas und Feemail; habe durch den link zur Observer expectancy übrigens auch noch was gefunden:

    Hawthorne-effekt

    und was du schreibst, Andreas, über die Nähe zum Elementarteilchen finde ich ganz besonders bemerkenswert. Ist beim Menschen ja ein bisschen ähnlich. Manchmal liegt in der Distanz die Nähe, bzw, ist ein respektvoller Abstand Vorraussetzung für Nähe überhaupt.


    rebhuhn; das is modern :-)und soll so. 60ties style, da muss das Jackett so kurz sein :-)

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  7. danke ;)... dann weiß ich ja bescheid. anscheinend bin ich hoffnungslos non-up-to-date ;) :D!

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  8. Wie passend. Ich wohne in Melbourne, komme aus Köln und folge Deinem Blog täglich, um meiner alten Heimat ein Stück näher zu sein. Dank Deines blogs bin ich jeden Tag auf Kurzbesuch in Köln! Werde ja schon neidisch, wenn da so ein Melburnian in meinem geliebten Kölle sein kann und ich nicht ;-) Grüße an den Dom und den Rhein!

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  9. Der Blog ist klasse - schaue immer wieder mal rein.

    Den Effekt nennt man meines Wissens 'Observer Bias'.

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  10. Ich bin wirklich kein Anzugfan, aber der hier gefällt mir. Du hast ein Kamerateam dabei? Ich sollte deine Beiträge nicht rückwärts lesen... :D Aber der Gedanke ist wirklich interessant... wie dokumentiert man etwas, was sich verändert, wenn es live dokumentiert wird?

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  11. A natty fellow.

    Good work, Smilla!

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  12. hallo smilla, dein blog ist spitze; der interessanteste, den ich bisher gefunden habe, und ich denke, das wird auch so bleiben. freue mich über jedes neue photo; und merke auch, dass mein eigener kleidungsstil -dank dieser inspiration- interessanter und individueller wird. wohne am land, und dein blog ist jedesmal wie ein kurzer stadtbummel für mich!

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  13. What a curious suit. It looks as if it would fly apart if he sat down...
    But he seems like a young fellow who might be quite charmed by the entourage that followed you around..
    thank you..

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  14. Ich finde die Geschichten, die du zu den Bildern schreibst toll und sehr interessant. Alles Liebe.

    Pics of lovely people on the street

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  15. in der linguistik ist der begriff durch labov als "beobachterparadoxon" bekannt. eine sinnvolle empirische sprachanalyse kann nur unter der bedingung stattfinden, dass der zu beobachtende sprachproband sich natürlich verhält und spricht. ein ding der unmöglichkeit, wenn tonbänder o.ä. die situation für die nachfolgende auswertung aufzeichnen sollen und der proband um das aufzeichnen weiß. umgeht man das in kenntnis setzen des probanden, entsteht wiederum ein ethisches problem... schwierig, schwierig...
    aber nach unnatürlichen verhalten oder ethischen verstoß sieht weder der losgelöste junge mann aus, noch spiegelt etwas davon deinen blog wieder.
    also weiter so!

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  16. Der Fachbegriff lautet "Third-person-effect" und findet in der Medienwirkungsforschung Anwendung:
    Sobald sich jemand beobachtet fühlt, beispielsweise durch eine Kamera, verhält er sich nicht mehr als das eigentliche "Ich", sondern sieht sich in der 3. Person.

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