Mittwoch, 12. April 2017

„Ich glaub, das liegt am Sessel“



Am Sonntagmorgen steht plötzlich ein Sessel an der Bushaltestelle. Er scheint sorgfältig platziert. Bei aller Auffälligkeit wirkt der Sessel an diesem Platz zugleich ganz selbstverständlich; lässig steht er da, als wolle er ein Weilchen bleiben. Mich berührt die Fragilität des Arrangements, das erwartbar Vorübergehende daran. Also mache ich ein Foto.
Nachmittags sitzen drei türkische Frauen dicht aneinander gerückt auf der Bank neben dem Sessel.
Noch etwas später sehe ich einen Mann an der Haltestelle. Er sitzt im Sessel. Aber nicht irgendwie; er hat richtig Platz genommen. Mit genau der entspannten, zurückgelehnten Haltung, zu der der Sessel - ganz perfekter Gastgeber - unaufdringlich einlädt.




Ich frage den Mann ob ich ihn fotografieren darf und setze mich anschließend neben ihm auf die Bank.
Er sei der erste, den ich im Sessel sitzen sehe, sage ich zu dem Mann und frage ihn, wie es wohl kommen mag, dass das neue Möbel nicht genutzt wird. Jaques überlegt einen Moment und ruckelt sich neu zurecht im Sessel: „Ja, also ich will den Bus ja gar nicht nehmen, da hatte ich das Gefühl, ich hab auch keine Berechtigung an der Haltestelle zu sitzen.“ Die Antwort verblüfft mich. Ich sehe Jaques an, ich sehe seinen Rücksack, die eingerollte Jacke - wie fragt man einen Menschen, ob er auf der Strasse lebt? Gar nicht, erst Mal. Ich kann nicht sicher sein, dass ich ihm mit der Frage kein schlechtes Gefühl verursache. Aber Jaques erzählt es selbst, noch immer der Frage nachgehend, warum der Sessel nicht genutzt wird. Mit einem schnellen Blick zur Seite, zu mir, sagt er: „Ich tippel so rum, ich leb auf der Strasse.“ Und dann: „Die Stadt, das sind die anderen. Ich erlebe die Stadt aus einer isolierten Position. Der Sessel gehört ja hier nicht hin, der ist ja eigentlich Sperrmüll.“




Mit 17 hat Jaques sich von der Schule abgemeldet, wie er es nennt. Er hat es dort nicht ausgehalten. Von seiner Familie hat er sich zurückgezogen.
Irgendwie lebt er seitdem auf der Strasse. Mit 22 ist er nach Amsterdam gefahren: „Fünf Jahre war ich dann dort. Dabei wollte ich nur ein Wochenende bleiben.“

Ich erlebe Jaques als scheu und wach und nachdenklich. Er lässt sich Zeit beim sprechen, er wählt die Worte wohl, mit dem Blick scheint er Worte und Gedanken in der Luft zu suchen, er nimmt sie genau, er wägt sie ab, er betont alles sehr bewusst, seine Finger und Hände helfen beim Sprechen. Fast ein bisschen lyrisch ist das alles, nur ohne Verse. Jaques hat viel Zeit und er beobachtet genau; er selbst wird meist übersehen. „Einer wie ich spielt in dieser Gesellschaft keine Rolle“, das sagt er und es klingt nicht bitter. Jaques fühlt sich außerstande ein normales Leben zu führen, arbeiten zu gehen, all das. Als roboterhaft empfindet er die meisten Menschen. „Ich führe das Leben eines Philosophen“, sagt Jaques und dass er 'mehr so ein Bursche' sei. Ich frage, was er mit Bursche meint: „So einer ... mit einerseits Pelz ... und süßen Seiten.“ Ich verstehe nicht genau was er damit meint, aber ich verstehe immer so vieles nicht, und nehme es dennoch in mich auf. Vielleicht verstehe ich es ja irgendwann.

„Ich bin schon traurig“, sagt Jaques, „Ich meine, es ist ja einiges schief gelaufen in meinem Leben.“ Dennoch lebt er gerne auf der Strasse, so ausserhalb von allem. Freunde hat er keine, aber es gibt etwas, das ihm vertraut ist – vielleicht die Gegend in der er sich meist aufhält. „Ich fühle mich wie in einem Netz; also kein Spinnennetz, das wäre ja Angst. Es ist ein gutes Netz.“ Jaques liest viel, er interessiert sich für Gandhi, Philosophie und die Wahrheit, seine eigene Wahrheit in seinem eigenen Tempo. Diese Auseinandersetzung mit sich, mit den Gedanken anderer, das gibt ihm Halt.




Eine Stunde lang sitze ich mit Jaques an der Haltestelle. Fünf oder sechs Busse halten an. Menschen steigen ein und aus. Einmal klopft ein Junge von innen an die Scheibe und macht das Daumen-hoch-Zeichen. Er lacht freundlich und scheint sich über Jaques im Sessel zu freuen. Wir haben ganz schön viel geredet, Jaques und ich, und er hat mir ein paar sehr persönliche Dinge erzählt. Kurz bevor unsere Begegnung zu Ende geht sage ich Jaques, dass ich vieles davon nicht schreiben werde, weil mein Gefühl ist, dass er es mir erzählt hat; im Vertrauen, off the record, wie man so sagt. „Ja“, stimmt er mir zu: „Ich glaub, das liegt am Sessel.“ Er lässt seine Hand schwer auf die Rückenlehne fallen und guckt den Sessel an, wie beim Abschied von einem guten Kumpel.



Sonntagmorgen mit Sessel


Später am Abend sehe ich, dass der Sessel weg ist. Die Bushaltestelle liegt da wie immer, als wäre nichts gewesen.





Dienstag, 11. April 2017

Löwenzahn



Von weitem sehe ich eine Frau, die gebeugt und mit suchendem Blick die Wiese abschreitet, sich immer mal bückt, ins Gras greift und dann etwas in einen kleinen Beutel steckt. Ich frage mich, was sie da wohl sammelt.
Um sie nicht zu erschrecken nähere ich mich ihr in einem weiten Halbkreis, denn sie ist so vertieft in ihr Tun, dass sie mich lange nicht bemerkt. Erst als meine Füße in ihr Gesichtsfeld rücken blickt sie auf, und nun sehe auch ich zum ersten mal, wem ich begegne.
Elsa ist Russin. Sie spricht ein zärtlich klingendes Deutsch mit russischer Färbung. Als ich ihr erkläre, warum ich sie anspreche und frage ob ich sie fotografieren darf, lacht sie überrascht. „Ich bin eine alte Frau“, sagt sie, als wäre damit die Absurdität meiner Idee ans Licht gebracht. Während sie das sagt sehe ich in ihrem Blick und in ihrem Lächeln Jugend und Alter zugleich. „Sie sehen toll aus!“, antworte ich mit ehrlicher Begeisterung.

Elsa sammelt Löwenzahn. Daraus kocht sie eine Art Sirup. „Man darf nur die Blüten abzupfen. Die Wurzeln müssen bleiben!“ Auf drei- bis vierhundert Blüten kommt ein Kilo Zucker. In diesem Jahr sei die Wiese sehr leer, sagt Elsa: „Im letzten Jahr war alles voll.“ Elsa hat Sorge, Löwenzahn zu sammeln könne verboten sein. Ich kann mir das nicht vorstellen und stelle später eine kleine Recherche an, die mir das bestätigt. In der freien Natur darf man vom wild Gewachsenem gar nicht mal so viel sammeln, pflücken oder 'entnehmen', wie es im Amtsdeutsch heißt. Beeren im Wald nur in Maßen und für den Eigenbedarf, Blumen auf der Wiese am besten gar nicht oder höchstens einen kleinen Handstrauss. Viele Kräuter, Blumen, Pilze stehen unter Artenschutz oder sind wichtig für das ökologische Gleichgewicht. Einzig Löwenzahn und Gänseblümchen sind von offiziellen Beschränkungen ausgenommen, wie es scheint.



Elsa ist Schauspielerin. In Kasachstan war sie am Theater beschäftigt. In Deutschland ist es schwierig für sie als Schauspielerin zu arbeiten.
Irgendwann hat sie von einem russischen Theater in Köln gehört: dem Pridwornij Theater. Dort ist sie nun im Ensemble. Am 22.4 sind sie mit einem Stück zu Gast in der Bühne der Kulturen. Es heißt „Die Schönheitskönigin“ und wird auf Russisch gespielt. Nach der letzten Probe hat Elsa sich Texte, Änderungen und Regieanweisungen auf Band gesprochen. Das hört sie nun, während sie Löwenzahn sammelt. Elsa spielt gerne Charakterrollen. „Wie ist jemand, wie geht er, wie bewegt er sich, was denkt er, warum ist er wie er ist, warum ist er dieser Mensch. Was fühlt er...“ Das, sagt Elsa, sei das Schöne an der Arbeit; sich auch in schwierige oder für einen selbst abwegige Charaktere hineinzuleben.
„Man muss schon wissen, wofür man lebt“, sagt Elsa – allerdings in einem anderen Zusammenhang. Ich finde aber, es ist ein schönes Schlusswort.

Dienstag, 28. Februar 2017

Lost and found im Karneval



Meinen diesjährigen Karnevalsspaziergang habe ich nicht an Weiberfastnacht, sondern am Karnevalssamstag absolviert. Der vage Plan den ich dabei im Kopf hatte, war, an einem dieser Zwischentage zu fotografieren. Tage, an denen, zumindest in der ersten Tageshälfte, parallel zum onmipräsenten Karneval ein gewisses Maß an Alltäglichkeit stattfindet. Ich starte am späten Vormittag und weiß, dass das durchaus eine zähe Angelegenheit werden kann. Auf den ersten drei Kilometern begegne ich dann auch tatsächlich so gut wie niemandem der verkleidet wäre. So hatte ich mir das ja auch gedacht; lauter normale Menschen beim einkaufen und mittendrin ein Hase an der Fleischtheke. Ein einzelner Elefant in der Strassenbahn, keine Ahnung, lauter so tolle Zufälle möchten es bitteschön sein, die mir am Wegesrand begegnen.

Immer wieder bleibe ich versuchsweise irgendwo ein Weilchen stehen und warte, dass an einer besonders tollen Strassenecke/Hauswand/Baustelle ein laufender Legostein, Bart Simpson oder meinetwegen auch eins dieser doofen Einhörner (ja, doofe Einhörner, so hab ich es gedacht) mein blöde konstruiertes Motiv vollenden möge. Das hat natürlich nicht funktioniert. Krampfhafte Enge ist der Feind von so ziemlich allem, auch und gerade vom fotografieren.




Ich selbst bin übrigens deutlich verkleidet (ernstgemeinter Servicetipp: an Karneval niemals ohne Kostüm fotografieren gehen). Unter all den Menschen im samstäglichen Alltagsgewand ziehe ich die Blicke gründlich auf mich. Ich bin so gesehen mein bestelltes und doch für mich selbst unerreichbares Fotomotiv, das birgt einen gewissen Witz, den ich jedoch nicht recht würdigen kann. Stattdessen kann ich mal ausgiebig nachspüren, wie unwohl ich mich damit fühle, allein durch bloße Anwesenheit derart aufzufallen. Zunächst irritiert, bin ich bald genervt und schließlich aggressiv. Bombenstimmung, Alaaf!

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Freitag, 24. Februar 2017

Nebel auf dem Tafelberg



Es gibt mehrere Wege um den Tafelberg zu erklimmen; man kann einen der unterschiedlich schweren Pfade zu Fuß gehen oder man nimmt die Gondel. Das mit der Gondel ist wohl die am häufigsten gewählte Variante; in einer Stunde, so habe ich irgendwo gelesen, kann bei voller Auslastung eine Anzahl von 900 Menschen hochgekarrt werden. Ich bin eigentlich eine Geherin; Fahrstühle, Gondeln und die Köhlbrandbrücke meide ich nach Möglichkeit, und selbst Zahnradbahnen an steilen Bergen verlangen mir mitunter mehr Mut ab, als jede gelaufene Strecke Kraft. Nun hat aber bei unserem Ausflug auf den Tafelberg die Sonne sehr heiß aus wolkenfreiem Himmel geschienen, und in mir hatte sich, endlich, die Müdigkeit mehrerer Monate eine Stimme verschafft: Gelaufen wird auf keinen Fall, hat sie gesagt.

Kaum angekommen am Fuße des Tafelberges verlässt mich jählings der Mut. Die Gondel geht derart steil den Berg hinauf, dass ich durchaus bereit bin, mich mit dem Ausblick auf Kapstadt, der sich an der Talstation bietet, zu begnügen.
Naja, wie es so ist ... sich seinen Ängsten stellen, nicht davon unterkriegen lassen und so ... am Ende stehe ich in der Gondel, ganz nah am Gondelmoderator (ja, den gibt es wirklich), der als Natur-Anästhesist Großes bewirkt und auch aufgewühlte Menschen wie mich für den Aufstieg nur mittels Stimme, Sprechtempo und Tonfall zu sedieren vermag.




Oben bestes Wetter, freie Sicht. Zumindest am Anfang. Lange genug, um Kapstadt, das Meer und die Berge ausführlich zu bestaunen und sich ins Verweilen zu versenken. Dann dreht der Wind, oder setzt er sich durch(?), und Nebelschwaden jagen in beachtlichem Tempo übers Plateau. Mal in zerklüfteten Fetzen, mal als dicke Wolken, mal fast wieder weg, und dann alles wieder von vorn, nur anders.

Es ist ein leises, feines Spektakel, das wir miterleben dürfen. Mir kommt die Frage in den Sinn, warum ich den vielfach gelesenen Rat, nur bei schönem Wetter hinauf zu fahren, keinen Moment lang in Zweifel gezogen hatte. Wenn die Gondel trotz Nebel und Wind den Betrieb nicht einstellt kann es nämlich auch passieren, dass oben bestes Wetter ist und man abwärts in eine Welt aus Wolken blickt.

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Sonntag, 29. Januar 2017

Von Farben und Wissen



Manchmal wünschte ich, ich wäre wahnsinnig gebildet, so dass ich mein umfangreiches Wissen nicht nur in jeweiligen Zusammenhängen verwenden und Schlüsse daraus ziehen, sondern auch mit Leichtigkeit weitergeben könnte. So ist es aber nicht, das ist mir auch nicht erst seit eben klar.
Ich weiß, weil ich es irgendwo zerstreut gelesen habe, dass es mit den Farben, die im architektonischen Gesamtkonzept der Insel Helgoland (von dem ich auch irgendwo gelesen habe) verwendet wurden und werden, etwas auf sich hat. Bei Herrn Buddenbohm lese ich, das Farbkonzept sei erdacht von Georg Wellhausen, meine eigene Investigativrecherche hat ergeben, dass der Künstler Johannes Ufer sich die Mühe gemacht hat, einen Generalfarbplan zu erstellen. Was stimmt nun mehr?
Am 18. April 1947, also nach Kriegsende, wurde die Insel Opfer einer gigantischen Sprengung der Briten, bei der so ziemlich alles von Menschenhand erschaffene zerstört wurde. Es folgten (stark abgekürzt) mühsame Jahre der Bombenräumung und des Wiederaufbaus. Die Welt schreibt hier, dass der Architekt Georg Wellhausen bei der Konzeption des 'einmaligen Architekturensembles' (Spiegel) auf jede Art der Rekonstruktion verzichtet hat. Das habe ich woanders auch schon anders gehört, sonderlich fundiert ist mein Geschreibsel hier also nicht; Bücher zum Thema habe ich nicht bestellt, Zeitzeugen nicht befragt, Bibliotheken nicht aufgesucht. Studiert hab ich sowieso nie und mit der Kommasetzung hapert es auch immer noch.


Hinten die Konzertmuschel, vorn der Zugang zur Landungsbrücke

Nun könnte ich ja mein Unwissen einfach verschweigen oder verbergen oder geschickt umschiffen. Dass ich das nicht tue, sondern es sogar ausdrücklich dazuschreibe, hat folgenden Grund: wie ich an anderer Stelle schon schrieb, mache ich mir das Bloggen seit geraumer Weile sehr schwer. Da baue ich zuweilen einen Anspruch an mich und die zu schreibenden Beiträge auf, dass ich mich in meiner freien Zeit mutlos stattdessen lieber der Jahressteuer zuwende. Ich denke das veranschaulicht mein Dilemma ganz treffend.
Nun, die blogtherapeutische Gegenmaßnahme, die ich mir selbst verordnet habe, hat viel mit dem Thema Gegenwärtigkeit zu tun. Schreiben was ist.
Gegenwärtigkeit und Geistesgegenwart sind übrigens immer Grundvoraussetzung für meine Begegnungen mit den Menschen gewesen, die ich hier im Blog portraitiert habe (und hoffentlich wieder portraitieren werde). Man kann da gar nicht gegenwärtig genug sein, das habe ich bei meinen inneren kritischen Résumés der einzelnen Begegnungen immer wieder festgestellt. Sich nie verstellen, nie klüger tun als man ist, auch vermeintlich dumme Fragen aussprechen und wirklich offen zuhören, ohne das Gesagte auf die Bestätigung eigener, fertiger Bilder abzugrasen. Klingt ganz einfach eigentlich.

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Montag, 16. Januar 2017

Helgoland


Blick vom Oberland auf die Düne - (m)ein Sehnsuchtsort

Im vergangenen Jahr hatte ich zwei Mal das Vergnügen, auf Helgoland arbeiten zu dürfen. Überhaupt habe ich sehr viel gearbeitet im vergangenen Jahr. Viel arbeiten ist so ein Dauerthema in meinem Leben. Das wäre ja nicht schlimm, aber die Pausen kommen doch zu kurz, das muss ich schon zugeben. Wie machen die das, denke ich, wenn ich bei der Kaltmamsell und beim Herrn Buddenbohm lese. Beide gehen arbeiten und ab und an auch aus, sie lesen Bücher und schreiben darüber, sie kochen und backen, der eine tanzt, die andere macht reichlich Sport, und beide bloggen mit verlässlicher Regelmäßigkeit – über unterschiedliche (!) Themen obendrein. Herr Buddenbohm hat zudem Kinder, da fällt mir vor lauter Ehrfurcht über so viel Realitätsbewältigung gar kein passender Ausdruck ein.


Der Helgoländer Leuchtturm ist eckig 

Ich arbeite auch, blogge aber kaum. Hm. Froh macht mich das nicht. Das Arbeiten oft schon, nicht zu bloggen hingegen nicht. Sport, Tanz und Lesen kommen auch zu kurz, ebenso Müßiggang im Allgemeinen und nicht zu letzt der Schlaf. Irgendwas mache ich bei der Einteilung persönlicher Zeit grundsätzlich verkehrt (und das ohne Kinder). Ich ahne das und weiß doch nicht recht einen Ausweg. Es ist nämlich nun auch nicht so, dass mir mit all dem Geld, dass ich dieserart als Selbstständige erwirtschafte, goldene Zeiten im Alter bevorstünden. So gut rechnen kann selbst ich.

Damit das neue Jahr nicht übergangslos dem alten ähnelt habe ich es, um mir selbst den guten Willen zu beweisen, mit Urlaub begonnen. Und weil die freie Zeit auch bei meinen Jobs auf Helgoland - trotz planerischer Berücksichtigung - rasant zu kurz gekommen ist, bin ich nun nochmal hingefahren. Zum nachholen quasi. Und zwar mit Ehemann, der glücklicherweise aufrichtig begeistert wirkte.


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Freitag, 13. Januar 2017

Die Rigi und der Nebel


Der Rigi-Artikel ist ursprünglich im Mai 2014 in meinem Zweitblog Hintergrundrauschen erschienen. Dort habe ich in zwei Jahren keine zehn Posts veröffentlicht. Die Idee, mir ein zweites Forum abseits dieses Blogs zu erschaffen, um dort über ich weiß-auch-nicht-was-ich-mir-gedacht-habe zu schreiben, ist allzu schnell versandet. So habe ich mich im Zuge meiner derzeitigen digitalen Aufräumarbeiten entschieden, den Laden wieder dicht zu machen. Das fällt mir nicht sehr, aber doch erfreulich leicht. Bloß um die Rigi würde ich weinen müssen, deswegen nehme ich sie einfach mit hierher. Einige werden sich vielleicht erinnern; hoffentlich so gerne wie ich.



Irgendwo oben auf der Rigi – der Königin der Berge – dem Hausberg von Luzern, irgendwo dort oben hab ich mein Herz an diesen Berg verloren. Ob auf 1500 Metern oder ganz oben am Gipfel – ich weiß es nicht.

Nicht etwa die Aussicht betört mich, nicht der weite Blick auf das Schweizer Umland oder den Vierwaldstättersee. Kein unendlich blauer Himmel taucht gemeinsam mit der Sonne die Rigi in verführerisches Licht. Nein, sehr viel zu sehen gibt es bei meinem ersten Besuch auf der Rigi nicht. Überall ist Nebel.


Es ist der Berg selbst, der mein Herz leise an seine Hand nimmt. Es ist die wassergraue Stille der Rigi, die mir immer nur die nächsten zwanzig, dreissig, später hundert Meter von sich zeigt. Es ist der Nebel, der die Rigi küsst und mich umfängt und der den Klang meiner Schritte sachte vergessen macht.

Stumm erzählen die Rigi und der Nebel mir ihre Geschichte. Sie handelt von einer alten Liebe.




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Mittwoch, 11. Januar 2017

Neulich so in Rotterdam - oder vom unbeschwerten Dribbeln


Blick aus dem Hotelfenster vom De Rotterdam in luftiger Höhe

So. Das neue Jahr hat kaum angefangen, da blogge ich einfach mal kopflos was dahin. Es ist nämlich so, dass ich, sobald es um meinen Blog geht, viel zu viel nachdenke. Soviel zumeist, dass ich vor lauter Grübeln, Zaudern und Zweifeln zu gar nichts mehr komme, schon gar nicht zum Bloggen.

Es ist beinahe wie ganz am Anfang; damals im März 2009. Da hab ich nach ausgiebigem Anlauf in einer gefühlt wagemutigen Stunde bei Blogspot Nägel mit Köpfen gemacht (ähem, Wörter getippt und Enter gedrückt) und diesen/dieses (ich weiß es nach all den Jahren noch immer nicht, wie es nun wirklich heißt) Blog eingerichtet.

Ich hatte damals eine Chaiselongue, die war antik und grün. Darauf saß ich, natürlich grübelnd. Ein Blog-Name musste her. Als ich den gefunden zu haben glaubte (eine Entscheidung, die ich viele Male bereut habe, genau wie meinen Einzug bei Blogspot) war ich vom vielen Denken zu erschöpft um mich den entmutigenden Stimmen, die in meinem Kopf seit jeher ein behagliches Zuhause haben, zu stellen.
Es war also quasi alles bereit (Layout,Name, Thema...), bloß ich nicht. Über ein halbes Jahr hat es noch gedauert, bis eine, in meinem Erleben furchtbar entblößende Situation stattgefunden hat, nach der ich mich am liebsten nur noch unter besagter Chaiselongue verstecken wollte. Meine Scham, deren Anlass ich heute übrigens kaum noch rekonstruieren kann, war derart groß, dass ich mit Fatalismus reagiert habe. So kam mir plötzlich folgender Gedanke in den Kopf: dann kann ich ja jetzt auch den Blog mal öffentlich machen und zeigen. Zeigen, was ich so tue, was ich mir so ausgedacht habe. Dann ist es eben schlecht, na und!?

So war das damals. Allzu weit entfernt bin ich vom damaligen Grübelgrad nun nicht entfernt - seit einer sehr großen Weile übrigens schon. Was sich ja an der Frequenz der erschienenen Posts deutlich ablesen lässt.
Gelernt hab ich offenbar aus der Vergangenheit das Entscheidende nicht: im Tun wird ebendies womöglich besser. Durch Zaudern nicht.




„2017 - das Jahr des NICHT-Jammerns“, so schrieb mir heute Niels - der übrigens für sein unfassbar tolles Ganz Köln-Projekt tatsächlich ganz Köln abläuft, Fotos macht und Dinge dazu schreibt.
Ich, die gerade wieder die Blog-Problem-Schleife etwas fester zurren wollte, habe sofort innegehalten und direkt mal das erstbeste Störfeuer umgeleitet - in: Bloggen ist einfach - einfach losbloggen. Ist ja Irrsinn, nicht wahr, sich so vom eigenen Blog selbst beschweren zu lassen. Unbeschwert soll es sein, das Bloggen. Locker hingedribbelt. Oder so.
Nicht dass ich beim Schulsport früher beim locker hindribbeln ganz vorne dabeigewesen wäre, aber lassen wir das ...


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Montag, 18. Juli 2016

„Und jetzt noch eine Samba aus Brasilien!“



Gustav Ribbe ist mit der Musik groß geworden und sie hat ihn um die halbe Welt geführt. Zehn Jahre lang ist er mit der MS Deutschland - dem Traumschiff - unterwegs gewesen. Er war auch auf anderen Kreuzfahrtschiffen, aber das Traumschiff kennt nun mal jeder und deswegen wird auf dem Schild an seinem Keyboard nur das Traumschiff erwähnt. Ein laminiertes Stück Papier, provisorisch mit zwei Plastikklemmen befestigt, gibt Auskunft wer da hinter dem Keyboard sitzt und spielt: Gustav Ribbe, Musiker, Konzertpianist, Kapellmeister.
Dabei kennen die meisten Gäste ihn ohnehin. Manche kommen seit Jahren nach Cuxhaven, um ihren Urlaub hier zu verbringen. Und dann besuchen sie Gustav Ribbe, wo auch immer er gerade spielt. Als ich Gustav Ribbe treffe spielt er gerade im Terrassenzelt vom Strandhaus Döse, wohin mich ein stürmischer Platzregen führt. Es sind nur wenige Tische besetzt, aber für die gibt Gustav Ribbe alles - und zwar bestens gelaunt und mit Leichtigkeit.



Gustav Ribbe ist in Heilbronn groß geworden und das hört man ihm an. Sein Vater war Generalmusikdirektor in Stuttgart und hat früh Gustav Ribbes musikalisches Talent gefördert. „Ich habe auch einen Bruder, aber der ist gar nicht musikalisch. Der kann nur eine CD einlegen.“ sagt Gustav.
Sein erstes Instrument hat Gustav zu spielen begonnen als er drei Jahre alt war. Heute spielt er acht oder neun Instrumente, so genau weiß er es gar nicht: „Schlagzeug, Vibraphon, Trompete, Klavier ... na, alles was in der Kiste da drin ist.“ Die Kiste, das ist Gustav Ribbes Keyboard, auf dem er spielt, seitdem er in Cuxhaven ist: seit beinahe zehn Jahren.




Nach der Schulzeit hat Gustav Ribbe das Hamburger Konservatorium besucht und auch eines in Baden-Württemberg. Als junger Mann hat er in Peter Frankenfelds Fernsehshow Vergissmeinnicht mitgewirkt, das erzählt Gustav Ribbe nebenbei. Seine längste berufliche Verpflichtung ist er bei der Nato eingegangen: dort war er beinahe 30 Jahre lang als Kapellmeister tätig und hat Militärmusik gemacht. Seit er dort aus dem Dienst ausgeschieden ist war er in der Welt unterwegs; in Amerika zum Beispiel und in der Schweiz: „In Zermatt, das war eine der schönsten Zeiten in meinem Leben.“
Schließlich war er dann auf Kreuzfahrtschiffen engagiert: „Immer drei Monate waren wir unterwegs. Dann gab es eine kleine Pause und dann ging es auf dem nächsten Schiff weiter.“

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Sonntag, 20. März 2016

Nebel über Helgoland



Als das das Schiff anlegt ist der Himmel über Helgoland grau. Die Überfahrt war ruhig, aber kalt. Anfangs sind viele Menschen an Deck umhergelaufen, doch schon bald waren es nur noch ein paar wenige. Die meisten einfache Arbeiter, zumeist Polen wie mir scheint. Zwei von ihnen stehen während der ganzen Fahrt. Eine Hand in der Tasche, in der anderen Hand halten sie abgegriffene Plastiktüten. Manchmal reden sie ein paar Worte. Ansonsten gucken sie in die Ferne. Es sitzen auch ein paar deutsche Handwerker draußen. Auf dem Rücken ihrer Arbeitskleidung steht, welchem Gewerk sie angehören. Einer packt seine Butterbrotdose aus, in der all seine geschmierten Brote und irgendwelche Würste nochmal in Alufolie eingewickelt sind. Ich merke, dass ich Hunger habe und laufe eine Runde durchs Schiff.
Drinnen sitzen überwiegend Touristen. Es ist warm und das Meer ist plötzlich weit weg. Der kleine Schiffskiosk ist leergekauft. Ich setze mich wieder nach draußen und denke fasziniert, was es doch für einen enormen Unterschied macht, ob man drinnen oder draußen ist. Besonders auf dem Meer.



Ein paar Stunden später laufe ich den Klippenrundweg auf dem Oberland entlang. Viel sehen kann ich nicht, es ist neblig. Einen Ort im Nebel zu erkunden ist eine feine Sache. Es ist ein langsames sich annähern, ein behutsames Aufeinandertreffen. Ich mag das. Nur Stück für Stück gibt die Landschaft etwas von sich preis. Farben, Formen und Geräusche sind gedämpft. Fast ist es, als würde die Insel sagen: Wenn du dich wirklich für mich interessierst, dann nimmst du mich auch so.
Man ist mit sich und der Umgebung allein, ein exklusives Nebel-Tête-à-Tête. Die Ferne bleibt im Verborgenen, mit dem Nahen kann man sich verbinden, eine eigentümlich intime Entdeckungsreise.




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