Freitag, 5. Februar 2016

Am Ende des Tages ein Zebra



„Und, hast du schöne Fotos gemacht?“ fragt mich John Lennon in der Dämmerung. „Ne, ich hab nur Mist zusammenfotografiert.“ erwidere ich unfroh. John Lennon ist übrigens in Wahrheit Janis Joplin und irgendwie passt das zu meinem Tag: man sieht eben nur, was man sehen will. Oder kann. Janis Joplin kann ich nicht von John Lennon unterscheiden und im Karneval vermag ich keinen Frohsinn zu entdecken. Auf meinem diesjährigen Spaziergang durch die Kölner Weiberfastnacht weicht die Melancholie mir nicht von der Seite. Sie färbt meinen Blick und bremst meinen Schwung - also das bisschen, das mich überhaupt hat losziehen lassen. Und dann auch noch immerzu Regen.




In der Reihenfolge ihres Entstehens zeige ich nun also Fotos des gestrigen Tages. Die lückenhafte Zusammenhanglosigkeit darf als Indiz für meine innerliche Unentschlossenheit verstanden werden. Bis ich es schließlich getan habe, habe ich mich an der Frage abgearbeitet, ob ich nicht einfach wieder heimgehen soll.

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Samstag, 30. Januar 2016

Mehr Katzen für das Internet



Es heißt ja immer leicht verächtlich das Internet sei voll von Katzen. Ich weiß nicht welches - meins jedenfalls nicht. Das Internet in dem ich unterwegs bin, ist, so erscheint es mir in diesem frisch angebrochenen, bereits vielfach beschädigten Jahr, bedauerlich voll von schlechten Nachrichten, Niedertracht und erschütternder Rechthaberei.

An manchen Tagen fühle ich mich müde von all den grausamen, durch Menschen verursachten (oder nicht durch sie verhinderten) Katastrophen und dem Hass. Dem Hass, der Grausamkeiten ermöglicht, dem Hass, der sich als Reaktion darauf formiert und dem verbalen Hass, der gedanklicher Notdurft gleichkommt (ich lese fahrlässigerweise Kommentarspalten). Ich werde müde von der Niedertracht, vom grassierenden Unwillen auch nur einen ausführlichen Moment lang innezuhalten, bevor man der Welt seine quadratisch-gepresste Meinung in oftmals gewalttätigen Worten antut. Oder bevor man das Streichholz oder gar eine Handgranate bemüht.
Philosophie sei „die Kunst, Unrecht zu haben“ wird der Philosoph Hans-Georg Gadamer im Editorial des aktuellen Philosophie Magazins zitiert. Etwas anders formuliert er es im Gespräch mit Rüdiger Safranski: philosophieren sei die Fortsetzung des Zweifels mit anderen Mitteln. (bei 12:36)




Das Innehalten und das Zweifeln scheinen mir wenig populär in diesen Tagen. Schnell dahingelärmte Antworten hingegen schon.
Und da fallen mir die Katzen ein. Mir selbst hilft beim Innehalten ganz gewiss die Katze. Ich gucke ihr beim Sein zu und stelle ein ums andere Mal fest, dass sie nicht sonderlich viel tut. Dabei lässt sich prima innehalten. Ich frage mich – ganz nach persönlicher Verfassung – mal dies, mal das: ist der Katze nicht langweilig? Wozu all die Knochen und Muskeln, wenn sie doch nur herumliegt? Was fängt sie an mit all den Erkenntnissen, die sie bei ihren hochkonzentrierten Erkundungen aller unverschlossenen Schränke, Schubladen und der umliegenden Höfe gewinnt? Warum eigentlich bin ich nicht selbst auch eine Katze? Was mag nur in ihr vorgehen, frage ich mich und entschuldige ihre unerschütterliche Katzenroutine mit den Worten: Sie weiß ja nichts von Zeit und Geld.
Die Katze ist meine Mahnung, meine Erinnerung daran, mich immer wieder zu fragen, ob, warum und wann Tun und Haben wirklich besser ist als Sein.

Diese katzenverursachten Gedanken und Fragen mögen sich in der Herleitung etwas schlicht lesen. Ich kann aber versichern, dass ich mir wieder und wieder den Kopf auch um zentrale Fragen des Lebens und des aktuellen Zeitgeschehens zerbreche, bloß weil die Katze guckt, wie sie guckt.

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Samstag, 9. Januar 2016

Von sich selbst sprechen



Zu schweigen ist für Sakher keine Option: Themen, über die berichtet werden muss, die kritisch zu hinterfragen sind, Zusammenhänge, die es zu verstehen oder Missstände, die es zu benennen gilt - Sakher will sie an – bzw. aussprechen. Er möchte, dass Wahrheiten es ans Tageslicht schaffen und sie nicht unterwegs durch politische, persönliche oder wirtschaftlichen Interessen pervertiert werden: „... weil es um Macht oder Geld geht.“

Um ein Leben führen zu können, in dem es ihm möglich ist als Journalist zu arbeiten ohne politisch verfolgt zu werden, ohne an Leib und Leben bedroht zu sein, hat Sakher eine lange, schwierige Reise angetreten. Sein Ziel: Deutschland, die Freiheit.
„Ich bin bereit den Preis zu zahlen, den mein Wunsch nach einem freien Leben kostet.“ Er hat Syrien verlassen, seine Eltern, Geschwister, Freunde. Er lebt nun in einem Land, in dem er zunächst monatelang Ungewissheit aushalten und sich um eine Aufenthaltserlaubnis bemühen musste. Im Spätsommer letzten Jahres hat er sie erhalten. „Das war ein wichtiger Schritt: denn nur so kommt man aus dem Flüchtlingscamp heraus und kann den Flüchtlings-Status hinter sich lassen.“ Für Sakher steht nun der zweite Schritt an: „Eine Wohnung zu finden.“ Schritt für Schritt will Sakher sich sein neues Leben aufbauen. Er lernt Deutsch, knüpft Kontakte, schließt Freundschaften. Er entwickelt Ideen und Pläne, die seine berufliche Zukunft betreffen, und er versucht, das System Deutschland zu verstehen, damit er Notwendigkeiten und Möglichkeiten einschätzen kann.




Sakher hat Politikwissenschaften in Damaskus studiert. Kritische Recherchen zu politischen Themen haben ihn schon während seines Studiums ins Blickfeld des syrischen Geheimdienstes gerückt, schließlich wurde er verhaftet und war im Gefängnis. „Am Gefängnis ist nicht das Schlimmste, dass man darin sterben kann. Das Schlimmste ist, was alles mit einem passieren kann, bevor man stirbt.“ Sakher hatte Glück, er wurde aus dem Gefängnis entlassen; mit der Warnung, dass man ihn weiterhin beobachtet. Sakher musste lernen heimlich zu sein. Eine zweite Verhaftung hat er nicht abgewartet.

Sakher ist es ernst mit seinem neuen Leben, mit der Chance, für die er sich in Unsicherheit und Gefahr gebracht hat, um Krieg und Verfolgung zu entkommen. Die schlimmsten Stunden seines Lebens hat er auf der Flucht erlebt. Sakher kann sie klar benennen: „Die Fahrt in einem kleinen Boot übers Meer, der Marsch durch die Berge von Mazedonien nach Serbien.“ Nach einem kleinem Moment fügt er hinzu: „Und die Zeit im Gefängnis.“

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Mittwoch, 30. Dezember 2015

... und dann auch noch schnücksch?



Vom Mitspielen dürfen

Eines möchte ich diesem Text voranstellen: unendlich viele Menschen in diesem Land widmen sich aufopferungsvoll, unentgeltlich, unentwegt und zumeist unerwähnt der Hilfe und Unterstützung von Flüchtenden. Sie verwenden ihre Kraft und Zeit um zu helfen. Ich kann mich nicht dazuzählen, denn ich tue quasi nichts. Allerhöchstens ein leises 'quasi' darf ich mir gönnen, oder ein hoffnungsvolles 'noch nichts'.
Ich lese, ja. Vor allem Herrn Buddenbohm gilt an dieser Stelle mein Dank, der sich regelmäßig die Mühe macht profunde Linksammlungen zum Thema zusammenzustellen, die er nach wie vor bescheiden Sonderausgabe nennt.
Ich lese also, ich mache mir Gedanken, nehme innerlich Teil. Aber weder stehe ich in einer Suppenküche, noch in einer Kleider-Sortierkammer, noch bin ich sonstwie irgendwie tätig.
Meine kleinen Aktionen sind situative Einzelhilfen im Promillebereich, von denen ich nur hoffen kann, dass sie tatsächlich hilfreich sind. Meine vielen Gedanken beschäftigen mich persönlich, haben aber keine Wirkung, keinen Nutzen im Außen.

Oft versuche ich mich hineinzuversetzen: in Menschen, die auf der Flucht sind, die ihr Leben verloren haben, die aber noch am Leben sind. „Losmarschiert als Preussen und als Gesindel angekommen“ schreibt Dörte Hansen in ihrem Roman „Altes Land“ über flüchtende Menschen aus Ostpreussen. Ich übertrage das im Geiste auf Menschen aus Syrien, Afghanistan, Afrika, woher auch immer eben die Menschen stammen, die ihr Leben auf der Flucht riskiert haben.


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Sonntag, 27. Dezember 2015

Haydarpaşa, kapalı



Es gibt Orte, an denen ist man üblicherweise nicht allein. Oder besser gesagt, vielleicht ist man an ihnen sogar allein, aber man ist nicht für sich. Manche Orte teilt man naturgemäß mit anderen Menschen; sogar mit vielen zumeist. Deswegen hat es es immer seinen ganz eigenen Zauber, solche Orte menschenleer vorzufinden. Schon einer nächtlichen, verlassenen Fußgängerzone, die nur für den Öffnungszeiten-orientierten Tag gemacht zu sein scheint, wohnt dieser eigentümliche Reiz inne. Oder eine Kneipe (sagt man eigentlich heute noch Kneipe?) die man nur laut und voll und (früher) verqualmt kennt; verstörend in trübem Tageslicht, die Stühle auf den Tischen, ernüchternd dreckig und über allem der spröde Duft der Zapfanlage, den man lieber nicht gerochen hätte. Und gibt es nicht auch Filme zum Thema? Nachts im Museum, Allein im Kaufhaus ...




Haydarpaşa, der historische Kopfbahnhof auf Istanbuls asiatischer Seite, war einmal der zweitgrößte Bahnhof der Stadt. Hier kamen Züge aus Anatolien, Syrien, Iran, Irak an. Wer weiter nach Europa wollte musste die Fähre über den Bosporus zum Bahnhof Sirkeci auf der europäischen Seite nehmen; so wie es Hercule Poirot in 'Mord im Orientexpress' getan hat, um mal ein fiktives Bild zu bemühen.

Heute ist Haydarpaşa ein seltsam verlassener Ort. Im Frühjahr 2012 wurde zunächst der Fernverkehr und etwas später auch der Regionalverkehr eingestellt. Obwohl das nun schon über drei Jahre her ist wirkt alles, als wäre der Bahnhof erst kürzlich hastig geräumt worden. Zwar sind die Fahrkartenautomaten im Eingang abgebaut, die Ticketschalter sind geschlossenen und frei von persönlichen Spuren. Hinter den Fenstern stehen Schilder: 'Kapalı', das bedeutet 'Geschlossen.' Auch die kleinen Bahnhofskioske - die Büfes - sind verlassen, leer, teilweise mit Brettern vernagelt. Bis auf einen. Ganz rechts in einer Reihe toter Schaufenster bietet ein letzter Kiosk noch immer Tee und Zigaretten an und was es eben so gibt im türkischen Büdchen.




Vielleicht liegt es an den Zügen, die noch auf den Gleisen stehen, vielleicht an den geschlossenen, aber hübschen Gittertoren, die den Zugang zu den Gleisen scheinbar nur vorübergehend verwehren, an den Schildern, auf denen für Reisende noch immer steht, an welchem Ort sie sich gerade befinden: Haydarpaşa. Vielleicht liegt es am vitalen Grün der eingezäunten Bahnhofsbüsche, vielleicht an den südlichen Palmen, die den Geschäftigen etwas Lässigkeit entgegensetzen . Haydarpaşa ist ein Bahnhof ohne Fahrplan und das macht ihn zu einem traurigen Ort.
Aber irgendwie scheint den Bahnhof selbst niemand informiert zu haben, dass er fortan nicht mehr genutzt werden soll. Mit Contenance und Würde steht er aufrecht und wirkt vorbereitet. Es fällt so leicht, sich ein wuselndes Meer aus Reisenden, Koffern und Stimmen vorzustellen, die sich wie selbstverständlich in ihm ausbreiten und bewegen. Der Bahnhof ist ein verlässlicher Veteran, der zu früh den Dienst quittieren musste und ein renitentes Lüftchen weht heimlich durch die Hallen: Ihr könnt mich mal, ich bin noch da!


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Dienstag, 1. Dezember 2015

Drei Generationen Haus



In einer schmalen, steilen Strasse im Istanbuler Stadtteil Cihangir steht Elas Geburtshaus. Nicht nur sie, auch ihre drei Schwestern – die älteste ist 38, die jüngste 17 – sind hier zur Welt gekommen.
Ela, die ich im Café ihres Großvaters Cemal kennengelernt habe, hat mich eingeladen, sie in ihr Haus zu begleiten: „Wir leben dort alle zusammen, meine Eltern, meine Großeltern, ich und meine jüngste Schwester.“ Ela ist (ich schrieb es schon) von leiser, aber überbordender Herzlichkeit. Wie könnte ich ihr Angebot ausschlagen.

Also machen wir uns gemeinsam auf den Weg vom Café - wo bis auf den Vater und Elas Schwester gerade die familiäre Hausgemeinschaft versammelt ist - und schlendern die kurvige Strasse bergab in Richtung Haus. Unterwegs zeigt Ela mal hierhin, mal dorthin; im oberen Teil der Strasse steht ein opulenter Neubau mit großen Panoramafenstern. Dort wohnt, so erfahre ich, ein berühmter Schauspieler einer beliebten Seifenoper. Ela kennt auch den Preis seiner Wohnung, denn der stand in der Zeitung; irgendeine Zahl mit Million hintendran, sehr teuer jedenfalls. Ein paar Meter weiter kürzt eine steile Treppe für Fußgänger den Weg nach oben ab. Die Stufen sind voll besetzt, überall sitzen grüppchenweise junge Leute zusammen. Es ist Freitag Abend, es ist warm, die Sonne geht gerade unter, und der Bosporus glitzert Weite und Geborgenheit zugleich in den nahenden Abend hinaus.

An der nächsten Biegung zeige ich auf einen bunten Strauss Peperoni, die am Fenster eines hübschen, gut erhaltenen Holzhauses zum trocknen draußen hängen. Neben dem Haus steht eine Palme. Bereits letztes Jahr habe ich hier ein Foto gemacht, auch damals hingen Pepperoni und Kräuter am Fenster. Ela freut sich – hier wohnt ihre Freundin.




Ela kennt das Viertel, an jedem Haus fällt ihr eine Geschichte ein. Und wo kein Haus mehr steht, sondern nur noch eine bröckelige Mauer, stand früher mal eins, wo sie mit ihren Freunden gespielt hat.
Ela ist 23. In dieser Strasse, in diesem Viertel ist sie groß geworden. Wir erreichen das Haus ihrer Großeltern, ihrer Eltern, ihr Haus. „Da oben ist mein Fenster,“ sagt Ela und zeigt in den zweiten Stock. Dann erklärt sie mir alle anderen Fenster, während ich die Eingangstür suche. Die Tür ist aus Metall und schief in eine schiefe Mauer eingelassen. Alles hier ist schief, kaum sind wir in dem kleinen Innenhof, wo mich eine der sechs oder sieben Hauskatzen begrüßt, geht es schief weiter. Als ich selbst ein Kind war, wurde ich in einem markanten Moment meines Lebens mit dem Phänomen 'windschief' bekannt gemacht. Hier, in Elas Haus, befinde ich mich nun in einer Art Zentrale des windschiefen.
Ela führt mich durch den Hof zur Haustür, aus der soeben ihr jüngere Schwester tritt. Sie verhält sich beruhigend jugendlich. Mit Ela wechselt sie mimikfrei nur die nötigsten genuschelten Worte, mich ignoriert sie weitgehend. Während sie ihre Turnschuhe anzieht, lese ich auf ihrem T-Shirt: Don't kill my Vibe.




Ela bewegt sich mit mit liebender Selbstverständlichkeit durch das Haus, in dem sie schon immer lebt und mit dem sie auf eigene Art verschmolzen zu sein scheint. Wenn sie mir etwas erklärt, dann damit ich das Haus verstehe, damit auch ich mich im Haus auskenne, mich darin bewegen kann. Ela präsentiert nicht, sie lädt ein. Sie teilt. So unspektakulär kann Gastfreundschaft daherkommen, und so ohne Zweifel.
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Montag, 26. Oktober 2015

Cemals Café



Istanbul ist auf sieben Hügeln erbaut und jeder dieser Hügel bietet unzählige Aussichten und Panoramablicke. Stünde das Wort Hügel für einen hohen mathematischen Rechenwert und nähme man den zum Quadrat – oder besser noch alle sieben Hügel zum Quadrat – dann käme dabei eine immens hohe Zahl heraus, die die Fülle der Aussichtsmöglichkeiten Istanbuls beschreiben würde. An einem dieser fast beiläufig vorhandenen, verschwenderisch schönen Aussichtspunkte hat Cemal ein kleines Straßencafé.
Selten dürfte diese Bezeichnung derart stimmig sein: Cemals Café liegt nicht nur an der Straße, es befindet sich auch darauf. Es gibt kein Drinnen und kein Draussen, es gibt keine Toiletten, nichts zu Essen und auch keine große Auswahl. Aber es gibt Kaffee, und der wird in wunderschönen kleinen Tassen serviert. Und es gibt - natürlich - einen Ausblick.



Direkt über einer kleinen, etwas räudigen Grünanlage, dem Sanatkârlar Parkı, liegt Cemals Café. Den schmalen Bürgersteig begrenzt ein Geländer, so dass niemand in den Park hinunterfallen kann. Wenn Cemal sein Café eröffnet, irgendwann am Nachmittag, stellt er ein oder zwei Tische ans Geländer. Wenn mehr Gäste kommen, stellt er noch ein paar Tische dazu. Manchmal stehen Autos am Straßenrand seines Bürgersteig-Cafés. Wenn eins wegfährt, schiebt Cemal mit einer ganz eigenen Schwungtechnik schwere, aber leere Blumenkästen aus Stein auf die frei gewordene Fläche.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, an einer graffitigeschmückten Mauer, wird von Cemals Freund Mehmet in einer Art Schrank der Kaffee zubereitet.



Cemal ist 80 Jahre alt, seit 26 Jahren betreibt er sein kleines Straßencafé. Früher war es ein paar Meter weiter rechts, aber irgendwann ist dort ein Parkplatz entstanden, so dass Cemal mit seinem Mobiliar ein wenig wandern musste. Ganz legal ist der kleine Betrieb nicht, aber richtig ernsthafte Probleme hat es in all den Jahren nicht gegeben. Nicht die Polizei sei das Problem - die auch gerade auf einen Kaffee vorbeigeschaut hat - sondern 'the government'. Das erklärt mir Ela, Cemals Enkelin, und ich vermute, sie meint so etwas wie das Ordnungsamt.

Cemals Café ist ein friedlicher Ort. Manchmal fährt ein Auto vorbei oder ein paar Jugendliche lassen den Motor ihres Mopeds aufheulen. An den Tischen sitzen Menschen im leisen Gespräch in der letzten Sonne des frühen Abends, die schließlich dem Schatten das Feld überlässt und über den Bosporus nach Asien leuchtet.
Ich bin an meinem letzten Abend bei Cemal zu Gast. Als ich meinen Kaffee bezahle, frage ich ob ich ein paar Fotos machen kann. Cemal ruft Ela, die schon seit einer Weile an der Mauer sitzt und in ihr Telefon versunken ist. Ela übersetzt und erzählt mir Geschichten aus Cemals Leben: dass er früher unten in Karaköy, in der Nähe der Galata-Brücke ein Restaurant hatte, neben dem Friseur-Salon seines Sohnes - Elas Vater. Außerdem hat Cemal dort auch einen Parkplatz betrieben - einen Otopark, wie sie in Istanbul heißen.
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Mittwoch, 2. September 2015

Menschen am Bosporus



Istanbul ist für mich ein Sehnsuchtsort. Bin ich nicht hier, sehne ich mich her. Manchmal, wenn im Fernsehen ein Bericht über Istanbul kommt, dann schicken Freunde und Bekannte eine sms oder eine mail: „Jetzt grad, jetzt läuft was“, oder „Morgen Abend, hast du gesehen...?“ Dann muss ich entscheiden, ob ich es überhaupt sehen möchte. Ob ich mich der Sehnsucht stelle.
Und wenn ich dann hier bin - so, wie ich mich momentan glücklich schätzen darf, in Istanbul zu sein - finde ich mich konfrontiert mit einer anderen Form der Sehnsucht. Das ist eine Sehnsucht, die mich durch die Straßen treibt, durch Stadtviertel, an alte und an neue Orte – und immer wieder an den Bosporus. Ich kann sie einlösen, die Sehnsucht, ich kann prüfen, ob sie es wert war, die Reise anzutreten, und ich bemerke wie sie sich verwandelt. In etwas größeres, stilleres, in etwas, das weniger an einen Ort gebunden ist, als an einen Wunsch ans Leben.
Warum das gerade in Istanbul passiert - ich habe es noch nicht ergründet.




Meine Liebe für die Stadt und meine Liebe zum Bosporus teile ich mit vielen Menschen. Das weiß ich, weil Menschen über Istanbul schreiben, weil sie Fernsehberichte oder Filme drehen, weil Istanbul ein Touristenmagnet ist. Vor allem aber weiß ich es, weil man es merken kann. Die Istanbuler lieben ihre Stadt. Sicherlich lieben sie nicht alles an ihr, und nicht alles, was in ihr passiert. Aber sie wertschätzen ihr Umfeld - das unmittelbare und das etwas dahinterliegende auch noch. Und in der Mitte ist der Bosporus. Zumindest irgendwie in der Mitte. Und dort treffen sie aufeinander, die Menschen. Jeder geht, läuft, fährt an seinem ganz eigenen Bosporus entlang. Jeder darf einen Moment lang ganz allein sein mit ihm. Mit dem Bosporus oder mit seinem ganz eigenen Wunsch ans Leben – der sich hier so leicht in eine wortlose Klarheit findet, die im nächsten Moment schon wieder vom Alltag umfangen wird. Scheinbar.




Die Fotos sind im Fındıklı Park in der Nähe des Fähranlegers Kabataş entstanden. Hier verbringen Menschen ihren Feierabend - mit einem Çay und einem Balık Ekmek (gegrillter Fisch in Brot). Sie eilen zur Fähre nach Üsküdar und Kadıköy auf der asiatischen Seite Istanbuls, oder sie kehren gerade von dort zurück.
Wenn die Sonne den asiatischen Teil auf der anderen Seite ins Abendlicht taucht, sammeln die Budenbesitzer langsam sie Sonnenschirme ein.

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Dienstag, 7. Juli 2015

WMDEDGT beim CSD



Inspiriert von der Kaltmamsell mache ich mit bei WMDEDGT*, ausgerufen von der (mir bis dato unbekannten ) Frau Brüllen und so gibt es meinen diesjährigen CSD Bericht mal im Tagebuchstil. * Was machst du eigentlich den ganzen Tag?
Auch in diesem Jahr habe ich mich beim CSD der Auftragsfotografie gewidmet; es galt den Showtruck meines Auftraggebers im gesamten Streckenverlauf stimmungsvoll abzubilden. Schöne Sache.

Hier zeige ich aber nun Fotos, die ich quasi 'nebenbei' gemacht habe.


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Donnerstag, 18. Juni 2015

Der Frühling, so weit



Manchmal, ja manchmal, da fahr ich abends durch den Park, wo scheinbar alle anderen auf der Wiese sitzen. Oder gesessen haben; ein paar wenige Menschen sind vielleicht noch übrig. Auf Decken, auf Treppen, mit einer letzten Flasche zu warmem Bier. Ein Wunsch schwebt wortlos in die Dunkelheit: „Komm, wir bleiben. Noch nicht heimgehen. Lass uns die Zeit zerdehnen.“
Es ist beinahe Sommer.



Manchmal, ja manchmal - ich will ehrlich sein - da denk ich mir: „Sagt mal, habt ihr denn alle nichts zu tun?“
Wie so ein alter Reaktionärsgeist. Fehlt nur noch: „Ham'se gedient?“, denke ich erschrocken.

Das kommt - ich will gnädig mit mir sein - weil ich immer so viel mache. Nun machen die Menschen im Park und auf der Wiese ja auch was. Sich einen schönen Abend zum Beispiel. Das ist gut.
In meinem Kopf landet solcherlei Zeitvertreib allerdings in der Nichts-machen-Schublade. Nichts im Sinne von 'nicht nützlich'.
Ich selbst mache meist nützliche Dinge. (Ja, da muss ich selbst ein bisschen lachen.)
Will sagen, ich arbeite. Auf die eine oder andere Weise steht mein Tun zumeist mit Arbeit oder Nützlichkeit in Verbindung. Oder was ich eben so für nützlich zu erachten beschlossen habe.

Da will ich gar nicht klagen: ich entscheide ja selbst.
Arbeit ist übrigens nicht gleich Gelderwerb. Arbeit ist oftmals ganz profan die eigene never-ending-Existenzbestellung. Dazu gehört auch Katze füttern, Blumen gießen und mal eben schnell das Treppenhaus für alle putzen – (was ich insgesamt gerne mache.)

Also fotografiere ich das, was ich selbst eher selten mache.
(Für diesen Blog, für den ich mir zu wenig Zeit nehme.)
So mache ich auf meine Weise mit.




Übrigens sitze auch ich gerne einfach so da. Morgens zum Beispiel - mit einem Kaffee in der Hand.
Ganz entspannt langweilig gucken.
Schön!

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