Dienstag, 28. Februar 2017

Lost and found im Karneval



Meinen diesjährigen Karnevalsspaziergang habe ich nicht an Weiberfastnacht, sondern am Karnevalssamstag absolviert. Der vage Plan den ich dabei im Kopf hatte, war, an einem dieser Zwischentage zu fotografieren. Tage, an denen, zumindest in der ersten Tageshälfte, parallel zum onmipräsenten Karneval ein gewisses Maß an Alltäglichkeit stattfindet. Ich starte am späten Vormittag und weiß, dass das durchaus eine zähe Angelegenheit werden kann. Auf den ersten drei Kilometern begegne ich dann auch tatsächlich so gut wie niemandem der verkleidet wäre. So hatte ich mir das ja auch gedacht; lauter normale Menschen beim einkaufen und mittendrin ein Hase an der Fleischtheke. Ein einzelner Elefant in der Strassenbahn, keine Ahnung, lauter so tolle Zufälle möchten es bitteschön sein, die mir am Wegesrand begegnen.

Immer wieder bleibe ich versuchsweise irgendwo ein Weilchen stehen und warte, dass an einer besonders tollen Strassenecke/Hauswand/Baustelle ein laufender Legostein, Bart Simpson oder meinetwegen auch eins dieser doofen Einhörner (ja, doofe Einhörner, so hab ich es gedacht) mein blöde konstruiertes Motiv vollenden möge. Das hat natürlich nicht funktioniert. Krampfhafte Enge ist der Feind von so ziemlich allem, auch und gerade vom fotografieren.




Ich selbst bin übrigens deutlich verkleidet (ernstgemeinter Servicetipp: an Karneval niemals ohne Kostüm fotografieren gehen). Unter all den Menschen im samstäglichen Alltagsgewand ziehe ich die Blicke gründlich auf mich. Ich bin so gesehen mein bestelltes und doch für mich selbst unerreichbares Fotomotiv, das birgt einen gewissen Witz, den ich jedoch nicht recht würdigen kann. Stattdessen kann ich mal ausgiebig nachspüren, wie unwohl ich mich damit fühle, allein durch bloße Anwesenheit derart aufzufallen. Zunächst irritiert, bin ich bald genervt und schließlich aggressiv. Bombenstimmung, Alaaf!




Am Bahnhof beobachte ich zwei junge Männer; der eine holt den anderen ab. Sie umarmen sich rumpelnd. „Hast du irgendwelche Einschränkungen essenstechnisch?“ wird der Ankömmling mit Rollkoffer gefragt und sogleich ausführlich mit Programm-Vorschlägen versorgt. Das mit dem Essen ist natürlich eine zulässige Frage; wer aber jemals der Kölner Karnevals-Bier-Bratwurstfratze tief in den hemmungslosen Schlund geschaut hat, der weiß, dass dieser feinsinnige Ansatz im derben Sturm von Döner und Fettgebackenem seine Existenz zu behaupten haben wird.




Gegen 14 Uhr befinde ich mich in der Nähe vom Dom; da sind auch endlich verkleidete Menschen anzutreffen. Das Verhältnis verkleidet zu unverkleidet hat sich auf wenigen Metern ins krasse Gegenteil verwandelt; meine superoriginelle Fotoidee lässt sich so auch nicht realisieren. Leider ist mir unterwegs zudem irgendwo der Elan abhanden gekommen. Die wenigen Fotos die ich bislang gemacht habe finde ich alle deprimierend belanglos.
In der Ferne fährt eine Rikscha mit zwei betrunkenen Musketieren die Straße entlang. Noch so ein sinnloses Foto, dafür bin ich nun sogar gerannt. Vor meinen Füßen finde ich einen 50 Euroschein im Gras der Verkehrsinsel, feinsäuberlich zusammengefaltet. Sowas!

Im Vorbeigehen Gesprächsfetzen: „...so nach dem Motto, einmal im Jahr...“ sagt da ein Unverkleideter zum anderen. Ein beliebtes Thema. „Auf Knopfdruck gute Laune.“ wäre ein weiterer Aspekt. Ich persönlich mache ja immer wieder die Beobachtung, dass überhaupt gar nicht alle Karnevalisten gute Laune haben. Und das meine ich im besten Sinne.

Ich beschließe mich nicht weiter abzumühen und meinen Ausflug zu beenden. Für den Heimweg nehme ich mir ein Mietrad. (Tolle Sache, diese Mieträder) Unterwegs fällt mir ein, dass der FC gleich spielt. Fußball interessiert mich überhaupt nicht; ich sitze aber gerne dabei, wenn andere gucken. Es gibt nicht viele Veranstaltungen, bei denen ich mich so dermaßen gut entspannen kann wie beim Fußball gucken. Man darf unbehelligt einfach so dasitzen; ich glaube ich bin so eine Art Fussball-Pause-Parasit, mein Wirt ist die Kneipen-Fangemeinschaft.




Nach dem Fußball gucken mit Superwoman und Incognito-Gary-Glitter bin ich nun also zu dritt unterwegs. Mit der Bahn bewegen wir uns in die Südstadt. Dort gibt es erst Pizza und dann Geisterzug: den mag ich sehr, allein schon bei der Aufstellung ist so viel selbstgemachte Musik allüberall.

Der Geisterzug macht sich ohne uns auf den Weg, der Platz leert sich ein wenig. Erste AWB-Kolonnen beseitigen unfassbar viel Müll. Am Aufstellplatz tingele ich in keiner besonderen und darum so zufriedenen Stimmung durch die verbliebende Menge der Feiernden. Sogar eine Kapelle kommt ganz neu herbei und beschenkt den Platz mit Musik. Schön ist das. Nochmal gut ausgegangen, der Tag.




































Freitag, 24. Februar 2017

Nebel auf dem Tafelberg



Es gibt mehrere Wege um den Tafelberg zu erklimmen; man kann einen der unterschiedlich schweren Pfade zu Fuß gehen oder man nimmt die Gondel. Das mit der Gondel ist wohl die am häufigsten gewählte Variante; in einer Stunde, so habe ich irgendwo gelesen, kann bei voller Auslastung eine Anzahl von 900 Menschen hochgekarrt werden. Ich bin eigentlich eine Geherin; Fahrstühle, Gondeln und die Köhlbrandbrücke meide ich nach Möglichkeit, und selbst Zahnradbahnen an steilen Bergen verlangen mir mitunter mehr Mut ab, als jede gelaufene Strecke Kraft. Nun hat aber bei unserem Ausflug auf den Tafelberg die Sonne sehr heiß aus wolkenfreiem Himmel geschienen, und in mir hatte sich, endlich, die Müdigkeit mehrerer Monate eine Stimme verschafft: Gelaufen wird auf keinen Fall, hat sie gesagt.

Kaum angekommen am Fuße des Tafelberges verlässt mich jählings der Mut. Die Gondel geht derart steil den Berg hinauf, dass ich durchaus bereit bin, mich mit dem Ausblick auf Kapstadt, der sich an der Talstation bietet, zu begnügen.
Naja, wie es so ist ... sich seinen Ängsten stellen, nicht davon unterkriegen lassen und so ... am Ende stehe ich in der Gondel, ganz nah am Gondelmoderator (ja, den gibt es wirklich), der als Natur-Anästhesist Großes bewirkt und auch aufgewühlte Menschen wie mich für den Aufstieg nur mittels Stimme, Sprechtempo und Tonfall zu sedieren vermag.




Oben bestes Wetter, freie Sicht. Zumindest am Anfang. Lange genug, um Kapstadt, das Meer und die Berge ausführlich zu bestaunen und sich ins Verweilen zu versenken. Dann dreht der Wind, oder setzt er sich durch(?), und Nebelschwaden jagen in beachtlichem Tempo übers Plateau. Mal in zerklüfteten Fetzen, mal als dicke Wolken, mal fast wieder weg, und dann alles wieder von vorn, nur anders.

Es ist ein leises, feines Spektakel, das wir miterleben dürfen. Mir kommt die Frage in den Sinn, warum ich den vielfach gelesenen Rat, nur bei schönem Wetter hinauf zu fahren, keinen Moment lang in Zweifel gezogen hatte. Wenn die Gondel trotz Nebel und Wind den Betrieb nicht einstellt kann es nämlich auch passieren, dass oben bestes Wetter ist und man abwärts in eine Welt aus Wolken blickt.




Der Nebel, dem ich wie einem vertrauten Freund begegne, ist bestimmt bester Kumpel mit der Meeresbrandung; was sie verbindet ist ihr zeitloses Unbeeindrucktsein. Mich als leicht zu beeindruckenden, ja mitunter als leicht zu beirrenden Menschen beruhigt das ungemein. Es beschämt mich auch, denn der globale Platzanweiser in der Welt der Werte und Wichtigkeiten hat noch immer nicht verstanden, wer und was in die ersten Reihen gehört.

Mich ergreift die Freude über meinen Mut, diese doofe Gondel-Angst beiseite geschoben zu haben und da oben im Nebel Zeitlosigkeit zu empfinden, und Gedanken nachzuhängen, die vermeintlich zu nix führen.

Bei der Fahrt ins Tal ist diesmal alles ganz leicht für mich. Ich freue mich wieder über den Gondel-Moderator. Die kurze Zeit reicht leider nicht aus, um hinter sein Geheimnis zu kommen. Beim hinausgehen sage ich ihm Danke, und dass ich ihn großartig finde.
Das nächste Mal möchte ich trotzdem hinauflaufen.





















Die letzten Meter (von oben) für die fleißigen zu-Fuß-auf-den-Berg-Geher












Am Ende sogar Sonnenuntergang, bevor die letzte Gondel ins Tal geht.



Der Tafelberg von weitem; vom Blouwbergstrand aus fotografiert.



Sonntag, 29. Januar 2017

Von Farben und Wissen



Manchmal wünschte ich, ich wäre wahnsinnig gebildet, so dass ich mein umfangreiches Wissen nicht nur in jeweiligen Zusammenhängen verwenden und Schlüsse daraus ziehen, sondern auch mit Leichtigkeit weitergeben könnte. So ist es aber nicht, das ist mir auch nicht erst seit eben klar.
Ich weiß, weil ich es irgendwo zerstreut gelesen habe, dass es mit den Farben, die im architektonischen Gesamtkonzept der Insel Helgoland (von dem ich auch irgendwo gelesen habe) verwendet wurden und werden, etwas auf sich hat. Bei Herrn Buddenbohm lese ich, das Farbkonzept sei erdacht von Georg Wellhausen, meine eigene Investigativrecherche hat ergeben, dass der Künstler Johannes Ufer sich die Mühe gemacht hat, einen Generalfarbplan zu erstellen. Was stimmt nun mehr?
Am 18. April 1947, also nach Kriegsende, wurde die Insel Opfer einer gigantischen Sprengung der Briten, bei der so ziemlich alles von Menschenhand erschaffene zerstört wurde. Es folgten (stark abgekürzt) mühsame Jahre der Bombenräumung und des Wiederaufbaus. Die Welt schreibt hier, dass der Architekt Georg Wellhausen bei der Konzeption des 'einmaligen Architekturensembles' (Spiegel) auf jede Art der Rekonstruktion verzichtet hat. Das habe ich woanders auch schon anders gehört, sonderlich fundiert ist mein Geschreibsel hier also nicht; Bücher zum Thema habe ich nicht bestellt, Zeitzeugen nicht befragt, Bibliotheken nicht aufgesucht. Studiert hab ich sowieso nie und mit der Kommasetzung hapert es auch immer noch.


Hinten die Konzertmuschel, vorn der Zugang zur Landungsbrücke

Nun könnte ich ja mein Unwissen einfach verschweigen oder verbergen oder geschickt umschiffen. Dass ich das nicht tue, sondern es sogar ausdrücklich dazuschreibe, hat folgenden Grund: wie ich an anderer Stelle schon schrieb, mache ich mir das Bloggen seit geraumer Weile sehr schwer. Da baue ich zuweilen einen Anspruch an mich und die zu schreibenden Beiträge auf, dass ich mich in meiner freien Zeit mutlos stattdessen lieber der Jahressteuer zuwende. Ich denke das veranschaulicht mein Dilemma ganz treffend.
Nun, die blogtherapeutische Gegenmaßnahme, die ich mir selbst verordnet habe, hat viel mit dem Thema Gegenwärtigkeit zu tun. Schreiben was ist.
Gegenwärtigkeit und Geistesgegenwart sind übrigens immer Grundvoraussetzung für meine Begegnungen mit den Menschen gewesen, die ich hier im Blog portraitiert habe (und hoffentlich wieder portraitieren werde). Man kann da gar nicht gegenwärtig genug sein, das habe ich bei meinen inneren kritischen Résumés der einzelnen Begegnungen immer wieder festgestellt. Sich nie verstellen, nie klüger tun als man ist, auch vermeintlich dumme Fragen aussprechen und wirklich offen zuhören, ohne das Gesagte auf die Bestätigung eigener, fertiger Bilder abzugrasen. Klingt ganz einfach eigentlich.


Unten das Unterland, oben das Oberland. Das Mittelland ist nicht im Bild.

So gesehen kann ein Mangel an Wissen auch hilfreich sein; man kann so viele Fragen stellen. Andererseits hilft Wissen enorm, um noch tiefergehende Fragen zu stellen oder Widersprüche anzusprechen, die zu diskutieren sehr bereichernd sein kann. Es ist kompliziert. Letztendlich aber ist es ja so: Es ist wie es ist. Wenn ich also auf Helgoland herumlaufe und Häuser und Erbautes fotografiere, dann entgeht mir sicher einiges, weil ich es aus Unwissen nicht erkenne. Deswegen kann ich ja nun nicht im Hotel sitzen bleiben.
Ich gehöre zur Lerngruppe 'Sehen, Machen, Fühlen'. Alles erlebte kann ich mir gut merken, auch lange. Gelesenes, und mag es noch so interessant sein, vergesse ich, sobald es nicht durch praktischen Bezug Atem eingehaucht bekommt. Vorausgesetzt, ich verstehe überhaupt was ich lese, das ist keineswegs immer der Fall.
Anders formuliert: Ich bin nicht dumm, ich weiß nur nicht so viel. Wichtiger Unterschied.




Die Farben Helgolands, also die der Insel selbst und die farblichen Ergänzungen durch Menschen, sind jedenfalls sehr besonders und für mein Empfinden auch sehr schön. Ich hab es gerne bunt, und das meiste auf Helgoland ist von wunderschön unbunter Buntheit. Jede Farbe wirkt stimmig, auch in ihrem Kontext. Es ist sozusagen eindeutig, aber unaufdringlich bunt auf Helgoland. Ich mag das.
Am buntesten, so habe ich gelesen, seien die Hummerbuden, derer der Inselbesucher gleich nach Verlassen des Schiffes ansichtig wird. Das war mir so nicht aufgefallen, und ich kann es auch nicht zweifelsfrei bestätigen. Natürlich habe ich, nach der Erlangung des gelesenen Wissens, mit prüfendem Blick die Insel betrachtet; dabei habe ich noch viele andere Bauten mit klaren, eher wachen als müden Farben entdeckt. Aber wenn es irgendwo steht, denke ich, ist vermutlich was dran, und so laufe ich nun mit einer weiteren Unklarheit durchs Leben. Das ist auch nicht immer leicht auszuhalten, diese fortwährende Anhäufung immer neuer uneindeutig zu verifizierender Wahrheiten und Sachverhalte im Leben.
Vermutlich ist genau das die wahre Herausforderung, die zu bewältigen ein jeder in der Verantwortung steht: Anzuerkennen, dass vieles nicht nach Schema, schon gar nicht dem eigenen oder präferierten, zu erfassen ist; anzuerkennen, dass die Welt voller Widersprüche mit der ihnen inne wohnenden Daseinsberechtigung ist. Einfache Wahrheiten sind selten. Und Wissen ist nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss. Angesichts der politischen Weltlage ist ist das mit den Farben ja letztlich leichtes Gepäck.


Im Hintergrund die Hummerbuden


Blick zur Düne

Nun soll es gut sein mit der Küchenphilosophie. Auf den folgenden Fotos sind Farben und Formen zu sehen, Menschen (mal wieder) nicht, und so richtig einladend mögen selbst die ausdrücklich für Besucher gedachten Orte, wie die Konzertmuschel beispielsweise, auf den Bildern auch nicht wirken. Es handelt sich um Januar Fotos, da ist Nach-Neben-Vor oder gar keine Saison - ich weiß es nicht, schön leer war es jedenfalls allüberall.

Viel Freude mit den Fotos!











Ferienhäuser auf der Düne








Hummerkörbe


Es gibt auch eine Art Industriegebiet














Wer eine Bunkerführung mitmacht, gelangt durch diese Tür wieder ins Freie